Freiherr Hochtrab zu Niedergang

Alpenrepublik top secret

Es gelang, den zusammengespülten Verhau zu sprengen. Gut auch für den Nachbarn: Nun steigt ihm das Wasser schrittweise bis zum Hals, er muss keine schlagartig losbrechende Flutwelle fürchten. Dem Mann einen Gefallen getan zu haben, wurmt mich ein wenig. Ich bin nämlich überzeugt, er steckt mit meinen Verfolgern unter einer Decke. Der Kerl ist Standesbeamter, mithin mitverantwortlich für jede Menge himmelschreienden Unglücks. Das Thema verdient eine eingehende Betrachtung, doch lassen Sie mich auf Tunnel zurückkommen. Falls Ihr Erinnerungsfädchen gerissen sein sollte, überfliegen Sie »Österreichs Fiktivrealität«.

Österreicher zählen zur tunnelbaulichen Crème de la Crème zwischen hier und hier, also rund um den Globus. Kein Wunder, schließlich hält der Tunnelbau das Land mehr als alles andere zusammen. In manchen Gegenden durchziehen diese Röhren den Grund wie Termitengänge Termitenhügel. Alpenrepublikaner durchfahren sie entspannt, Deutsche und Niederländer bibbernd und bebend. Tatsächlich stellen Tunnel durchfahrende Deutsche und Niederländer ein unsägliches Ärgernis für Österreicher dar, die durch jeden noch so windungsreichen Tunnel mit sportlicher Sohle brausen. – Solange sie keiner dieser verkrampft hinter dem Steuer klemmenden, auf der Bremse stehenden Flachländer des Genusses einer schwungvollen Fahrt beraubt. Das geschieht andauernd. Das Ärgernis übertrifft selbst das in Deutschland regelhaft auftretende Ärgernis endloser Konvois mit Wohnwagen behängter Fahrzeuge, deren gelbe Kennzeichentafeln unschwer erkennen lassen, wer da wieder einmal den Autobahnverkehr zwischen Aachen und Berchtesgaden oder Passau lahmlegt.

Neben der Unfähigkeit vieler Deutscher, Tunnel zügig und ohne Schlingern zu durchfahren, erbost Alpenrepublikaner eine offenbare Unhöflichkeit ihrer Nachbarn: Daheim wie gestört über die paar Kilometer intakter Straßen rasende Deutsche weigern sich, der landestypischen Gepflogenheit zu entsprechend, das auf Autobahnen bestehende Tempolimit von 130 Kilometern pro Stunde zu ignorieren. Der Österreicher saust flott und flüssig mit 140 Sachen dahin. Oder mit 150. Oder noch ein bisschen flotter. – Und der Deutsche? Mit 129. Wenn es hoch kommt. Und das oftmals auf beiden linken Spuren, die zumeist mit beiden rechten identisch sind, zugleich. Das mit den beiden Spuren geschieht hundertprozentig vorhersagbar, sobald ein Tunnelmund in Sicht gerät. In vielen österreichischen Gegenden also am laufenden Band. Mit derartigen Sperenzchen, mit dieser groben Verletzung einfachster Höflichkeitsregeln, treiben Sie Alpenrepublikaner keineswegs auf die Palme. Das aber nur deshalb nicht, weil diese erstaunlichen Gewächse infolge klimatischer Rahmenbedingungen ausschließlich in botanischen Gärten und im Sommer in mickriger Wuchshöhe auf einigen Almhütten auszumachen sind. Statt auf die Palme bringen Sie Alpenrepublikaner auf 180. Buchstäblich. Laut Erkenntnissen der vorrangig als Lärmschutzwandbauer auffälligen ASFINAG sind ausländische Autofahrer mittelbar für die meisten nennenswerten Geschwindigkeitsverstöße einheimischer Fahrzeuglenker verantwortlich. Zudem für unzählige Unfälle. Das zermürbend-entnervende deutsch-niederländische Kollektivkriechen übersetzt sich nämlich in eine dem Österreicher an sich wesensfremde Risikobereitschaft, die sich in haarsträubenden Überholmanövern äußert. Dabei beweisen Alpenrepublikaner eine Engelsgeduld: Durchschnittlich lauern sie geschlagene 17,27 Sekunden auf eine glückliche Fügung, die ein Überholen in moderatem Tempo ermöglichen könnte. Aber, wie das mit glücklichen Fügungen so ist, kommen sie selten vor.

Das Verkehrswesen beweist die ausgeprägte soziale Ader des Österreichers. In seiner Heimat benötigen Autobahnnutzer ein alljährlich teurer werdendes Pickerl beziehungsweise eine Vignette. – Was an dieser Gebührenerhebung sozial ist, fragen Sie? Also bitte, das ist doch sonnenklar! Wer trägt denn die Kosten der notwendigen psychologischen Betreuung der schätzungsweise 3.456.789 von deutsch-niederländischen Fahrweisen traumatisierten Alpenrepublikaner? Wer kommt für damit verbundene Arbeitsausfälle auf? Wer hat negative Rückwirkungen auf das Bruttosozialprodukt zu verkraften? – Der Alpenrepublikaner! Um die Wahrheit knallhart zu verdeutlichen: Es ist das deutsch-niederländische Kollektivbremsen, das die wirtschaftliche Entwicklung dieses weltoffenen Landes bremst. Und der Österreicher verlangt Ihnen keine höhere Autobahngebühr ab, als ihm selbst abgenommen wird! Wenn das keine hochgradig soziale Ader verrät, was dann? Und noch etwas: Deutsche neigen dazu, die Gebührenerhebung als verkappte Wegelagerei zu verunglimpfen. Damit liegen sie gründlich falsch: Eingenommene Milliarden fließen Cent für Cent in den Straßenbau zurück. Nun gut, zum Teil. Schwindelerregende Summen fließen in den vordergründig sinnlosen Bau nutzloser Lärmschutzwände. Diese leuchtenden Beispiele zeitgenössischer Ingenieurskunst sind aber keineswegs überflüssig, auch wenn sie die grünen Wiesen, die sie dem Blick des nach ersten Tunnelpassagen schweißnass dahinrollenden Deutschen entziehen, zumeist keineswegs vor Lärm schützen. So wenig wie die meisten Siedlungen, deren Bewohnern sie netter Aussichten berauben, ohne den Schallpegel ansatzweise zu senken. In Röthelstein etwa, um ein prominentes Beispiel anzuführen, reden die Leute heute sogar nachweislich lauter als vor Mauerbau, weil es seither lauter ist! Falls Sie angebrüllt werden, ist das vierorts keinem ruppigen Naturell, sondern der ASFINAG zuzuschreiben. Lärmschutz ist aber auch nicht das treibende Motiv für die Errichtung dieser sündhaft teuren Wände, mit denen das von schönen Aussichten lebende Tourismusland seine schönen Aussichten verbaut. Dieses landesweite Bauprogramm dient im Wesentlichen einem Zweck: Es soll Deutsche und Niederländer behutsam von ihrer Tunnelphobie befreien, indem diesen Hasenfüßen durch begleitende Mauern gleichsam ein Tunnelblick vermittelt wird. Möglichst durchgängig, entlang aller denkbaren Routen. Nach verlässlichen Aussagen gegen auferlegte Schweigepflichten verstoßender Eingeweihter wird die ASFINAG dieses langfristige Projekt erst als abgeschlossen betrachten, sobald letzte Lücken geschlossen sind. Und dann folgt unter strikter Geheimhaltung Phase II: Die Überdachung der Autobahnen. Nach dem 01.12.1990 errichtete Lärmschutzwände sind statisch auf diese Lasten ausgelegt. Aus ihrer dementsprechend aufwendigen Bauweise erklären sich die Uneingeweihten unerklärlich hohen Baukosten dieser übergroßen Raumteiler. Im Interesse politischer Korrektheit sei darauf hingewiesen, dass sich die ASFINAG Forderungen aus dem rechtspopulistischen Lager verweigert, an den Grenzen zu ehemaligen Ostblockstaaten quer zur Straßenachse ausgerichtete Lärmschutzwände hochzuziehen.

Die hinter dem stellenweise in die Umsetzungsphase übergeführten Konzept der Autobahn- und Schnellstraßenüberdachung stehende Logik dürfte sich Ihnen verschließen. Das ging mir anfangs ebenso. Zunächst mutmaßte ich, in diesen streng gehüteten Plänen würde sich ein wesenhafter Zug des Alpenrepublikaners ausdrücken: Er ist mindestens so konsequent wie flexibel. Man könnte sagen, er ist flexibel konsequent. Um ein Beispiel zu bemühen: Angesichts einer angebrochenen Flasche vorzüglichen burgenländischen Blaufränkischens denkt er bereits beim ersten Achtel – in Wien gibt es Lokale, die kaum noch sichtbare, ruckzuck verdunstende Sechzehntel als hip verkaufen – daran, den Rest des Inhalts niederzumachen. Ihm liegen keine halben, achtel oder sechzehntel Sachen. Nun ja, genau genommen liegen sie ihm durchaus. So sehr, dass er sie gleichsam verdoppelt beziehungsweise mit acht oder sechzehn multipliziert und das Ergebnis zumeist mit zwei. Da Sie sich nun in der Gewissheit sonnen können, mit einer weiteren Facette der unbeschreiblich vielschichtigen österreichischen Mentalität vertraut zu sein, lassen Sie mich auf unser Kernthema zurückkommen.

Im Laufe mehrtägiger Landesaufenthalte dämmerte mir, dass die aus nackter Verzweiflung geborene Entschlossenheit gezielter Tunnelphobiebekämpfung eine wesentliche Triebfeder der besessen anmutenden Lärmschutzwandbauerei darstellt, es jedoch tiefer reichende Gründe geben muss. Das gilt umso mehr in Bezug auf das angelaufene Verkehrswegeüberdachungsvorhaben. Wie ernst diese Projekte genommen werden, verdeutlicht unter anderem eine Tatsache: Verschiedentlich wurden und werden über Kilometer hinweg brettebene Gebiete untertunnelt. Falls es Sie interessiert: Herangezogen wird dabei das Cut-and-Cover-Verfahren, eine offene Tunnelbauweise. Kurzbeschreibung: Erde ausbaggern oder Felsrinnen sprengen, Tunnel betonieren, Deckel drauf, Erde drauf, Wiese oder Wald obenauf. Mehr kann ich angesichts bestehender Zeitnot dazu nicht sagen, tut mir leid. Vermutlich kommen Sie sich mittlerweile wie der arme Esel vor, dem ein fieser Knilch eine an einem Stock aufgehängte Möhre vor die Nüstern hält. Ich meine es aber wirklich nicht böse. Um Sie ein wenig abzulenken: Halten Sie es für möglich, dass sich hinter dem ehrgeizigen Projekt der ASFINAG eine heimliche, EU-seitig untersagte Förderung der heimischen Bauindustrie verbirgt? Ich finde einfach keine befriedigende, keine allumfassende Erklärung für diese rastlosen Aktivitäten. Damit stehe ich keineswegs allein da. Selbst ein ehemals im Brain Trust der ASFINAG aktiver Hofrat grübelt bis heute vergeblich über Sinn und Zweck des Ganzen nach. Der alte Fuchs schwindelte keineswegs, als er seinerzeit aus dem Nähkästchen plauderte: Nach drei Flaschen fabelhaften Grauburgunders erweist sich so ziemlich jeder Alpenrepublikaner als Ausbund der Ehrlichkeit. Darin gleichen sich Österreicher und Franken vollkommen. Das wussten Sie gewiss. Wissen Sie aber auch, was manche Österreicher mit manchen US-Bürgern in Sachen Verkehr gemein hatten? Genau! Sie kamen nach Deutschland, um ungestraft Vollgas geben zu können. Heute stellt sich die Situation betrüblicherweise anders dar. Zu Dauerbaustellen verkommene Autobahnen verleideten das Rasen auf unseren löchrigen Straßen. Kein Wunder, dass Österreicher Deutschland inzwischen großräumig umfahren.

Falls Sie mir unausgesprochen vorhalten, ich käme vom Hölzchen aufs Stöckchen, lasse ich das so stehen. Ihnen muss allerdings klar sein, dass die oben angeschnittene Vorstellung, Land und Leute würden Sie unter gegebenen Umständen einladend rufen, albern wirkt. Mein leiser Tadel führt zurück zum Thema sprachlicher Verständigung. Wie beantworten Sie diese Ihnen in Ihrer Einbildung entgegenschallenden Einladungen? – Um Ihr Problem zu veranschaulichchen, steige ich auf der kleinräumigen Ebene ein. Stellen wir uns einfachheitshalber vor, Sie wollen den illusionären Ruf einer bildschönen Hartbergerin beantworten. – Glauben Sie ernsthaft, Sie würden verstehen, was Ihnen die fesche Maid zuruft? Das wage ich stark zu bezweifeln. Mit einiger Wahrscheinlichkeit beherrscht diese ortstypisch umwerfend temperamentvolle Circe Hochdeutsch ausgezeichnet. Aber: Sehen Sie einen Grund, einen einzigen stichhaltigen Grund, weshalb diese Perle der Weiblichkeit ihrer Mundart untreu werden sollte? Ihretwegen! Vor dem Hintergrund Ihrer unhöflichen Fahrweise? Ziemlich sicher ruft die stolze Schöne, wenn sie denn ruft, selbst einem Schladminger Gemeinderatsbewerber, ja selbst einem noch höheren Schladminger Tier, ihre Botschaft mit selbstbewusst aufgeworfenem Kopf auf Hartbergisch zu. Und das versteht dieser Obersteirer so gut wie Sie. Nun spekulieren Sie als gewiefter Norddeutscher – kein Österreicher würde Sie »Fischkopf« nennen – womöglich auf den einladenden Ruf einer piekfeinen Wienerin. Einmal außer Acht gelassen, dass Wiens Zugehörigkeit zu Österreich von Bewohnern anderer Bundesländer wie auch den Wienern selbst einhellig in Abrede gestellt wird, könnte es durchaus sein, dass Sie sich bezüglich Ihrer Verständnisfähigkeit verspekulieren. – Glauben Sie nicht? Wagen wir die Probe aufs Exempel: Was könnte eine aus der Putzerei kommende, von Ihnen inkommodierte Schnęckalmadám meinen, wenn sie sagt, sie befänden sich auf kürzestem Weg in die Ordination? – Sie wollen weder als protestantischer Pfarrer ins Amt eingeführt noch als katholischer Geistlicher sakramental geweiht werden? Beides verstehe ich voll und ganz. Nur: Die Schnęckalmadám – was jeweils auf falsche Loken anspielend, »alte Jungfer« oder »leichtes Mädchen« bedeuten kann – spricht von einer Arztpraxis. Sie scheinen die Dame heftig inkommodiert haben.