Freiherr Hochtrab zu Niedergang

Alte Zöpfe verlängert

Die Sandsackaktion war für die Katz, da das Wasser schneller steigt, als ein Einzelner Ritzen, Rohre und sonstige Öffnungen abdichten kann. Mittlerweile öffnete die örtliche Feuerwehr eigenmächtig und keineswegs zimperlich den übergeschwappten, über dem Kernort angelegten Kanal. Die Uferanlieger der abwärts gelegenen Kleinstadt fluchen gewiss. Das Verhältnis zu den Bewohnern ihrer Eingemeindung wird bis zum Menschheitsuntergang getrübt sein. Der liegt nahe, ist Steirern aber wurst. Sie verstehen im Augenblick zu leben, sie tun es prinzipiell. Nur stinksauer denken sie in längeren Zeithorizonten. Gewöhnlich verzeihen sie zwischenmenschliche Verstimmungen nach drei, vier Generationen. Das heutige Geschehen niemals. Unser Thema ist freilich ein anderes.

Deutsche haben neben vorhin enthüllten harten Fakten weiche Faktoren zu berücksichtigen, um ein vollumfängliches Verständnis für den wesentlich vom einstigen wie heutigen Österreich beeinflussten Gang der Weltgeschichte entwickeln zu können. – Worum es geht? Nun, das will ich Ihnen sagen: um den alpenrepublikanischen Umgang mit Titeln und die Haltung gegenüber eben diesen Titeln.

Adelstitel schaffte Österreichs Parlament 1919 mit dem »Gesetz über die Aufhebung des Adels, der weltlichen Ritter- und Damenorden und gewisser Titel und Würden ab.« Geschliffener hätte sich kein noch so belesener Hochadliger formulieren können. Im Burgenland, das 1922 für eine Eingliederung in den österreichischen Rumpfstaat stimmte, galt dieses Verfassungsgesetz formal erst seit 2008. Dort wurde es ursprünglich nicht ausdrücklich in Kraft gesetzt. – Unter anderem deshalb nicht, weil der burgenländische Adel anno 1922 für die junge Republik begeistert werden sollte. Klingt kurios, ist kurios, war aber so.

Österreiches Adel war – wie im weniger konsequenten Rest der Welt – längst überflüssig geworden. Vor allen haben auf allerlei Spielarten des Raubrittertums und ausbeuterischer Unterdrückung beruhende Erbtitel nichts in einem von republikanischem Geist durchdrungenen Gemeinwesen verloren. Die Monarchie hatte sich überlebt, sie gehörte in die Rumpelkammer der Geschichte. Vermutlich feiert die Republik deswegen alljährlich ihren Opernball unter Walzermelodien der kaiserlichen Zeit, prunkend wie einst Barone, Grafen und Herzöge, ja das kaiserliche Paar höchstselbst. Die noble Gesellschaft feiert mit KuK-typischer Eleganz. Getragen von sich selbst auf die Schippe nehmendem Witz, der sich dem in Bockwurst und Boulette beißenden deutschen Michel wohl nie restlos erschließen wird.

Vermutlich fragen Sie sich erneut, was dieser in einem von nachflutlicher Schimmelbildung bedrohten Gemäuer festgenagelte, tollkühn ausgewanderte, von Wortmagie umflossene Genius mit dem überzogenen Zeitkonto diesmal erzählen will. Die Antwort lautet: nichts. Ich will nichts erzählen. Ich muss Sie aufklären. Das war bereits gesagt, mitgeteilt, dreifach unterstrichen. Aber gut, ich erkläre eine weitere Offensichtlichkeit: Die Republik feiert den Opernball, um sich und aller Welt vor den Augen zu führen, wie weit, wie unendlich weit sie sich von höfischen Traditionen entfernte. – Wahrscheinlich ernennt man verdiente Beamte aus demselben Grund zu Hofräten.

Das Vorrecht, berufliche Ehrentitel zu erfinden und zu verleihen, liegt – das erinnert zufällig auffällig an Kronenträgerzeiten – beim Staatsoberhaupt, das uns in Gestalt des Bundespräsidenten entgegentritt. Dessen Amtssitz wurde 1947 – die Abkehr von kaiserlich-königlichen Traditionen unterstreichend – in den Leopoldinischen Trakt der habsburgischen Hofburg verlegt. Titel werden verliehen, um Leute auszuzeichnen, die sich während langer Berufsjahre in herausragender Weise um die Nation verdient machten. Eine Auswertung der Liste von Titelträgern unter Staatsbediensteten führt zu dem nicht unerwarteten Ergebnis, dass Österreichs Beamtenschaft ein nirgends sonst auf Erden ähnlich ausgeprägter Leistungswille kennzeichnet und sich diese Verdienstgemeinschaft als weltweit einzigartiges Sammelbecken herausragender Leistungsträger darstellt. Es ist nämlich so, dass sich Beamte, die in gewisse Positionen befördert werden, wenig später fast durch die Bank als herausragende Vertreter ihres jeweiligen Berufszweiges entpuppen. Ihre herausragenden Leistungen und Verdienste beeindrucken zweifach, da es unglaubliche Leistungen und Verdienste voraussetzt, aus einer herausragenden Masse herauszuragen.

An dieser Stelle muss ich eine abseits des Themas angesiedelte Bemerkung einflechten: Falls Sie ein unaufgeupdatetes LibreOffice 4.1.4.2 verwenden, ist Vorsicht geboten. Der mitgegebenen Rechtschreibprüfung ist das Wort alpenrepublikanisch unbekannt; der Korrekturvorschlag dürfte in Österreich helle Empörung auslösen. Er lautet: bananenrepublikanisch. Doch weiter im Text, kehren wir zur Ballung exzellenter Beamter in hohen Positionen zurück.

Die in Österreich auffällig Dichte herausragender Leistungsträger wäre erklärbar, wenn man unterstellt, in Bürokratien beziehungsweise Beamtensystemen würden die fähigsten Köpfe befördert. Dem widerspricht allerdings die Logik. Wer untaugliche Beamte loswerden will, kann diese nicht einfach Zurückstufen, geschweige kündigen. Ihm bleiben nur zwei Möglichkeiten: Wegsehen oder Wegbefördern. Beides geschieht, wobei systematische Gegebenheiten in Fall zwei zumeist nur eine Beförderung nach oben zulassen. Man kann das Pferd auch umgekehrt aufzäumen: Wer fähige Beamte behalten will, wird sich erst für deren Beförderung stark machen, wenn er selbst befördert wurde. Der Kanadier Laurence J. Peter führt in diesem Zusammenhang eine bemerkenswerte Theorie ins Feld. Deren Kernaussage lautet: In vielstufigen Hierarchien werden letztlich sämtliche Positionen von Mitarbeitern besetzt sein, die unfähig sind, mit ihrer jeweiligen Position verbundene Aufgaben zu erfüllen. Erst wenn dieses Niveau absoluter Inkompetenz auf personenbezogener Ebene erreicht ist, unterbleiben weitere Beförderungen. Dieses so genannte Peter-Prinzip wurde weltweit vielfach bestätigt und nirgends widerlegt. Es gilt überall, einzig Österreich trotzt dem Allgemeinen. Das ist Logik vom Feinsten: Andernfalls gäbe es diese massenhaft aus herausragenden Massen herausragenden Titelträger nicht.

Hinsichtlich der systembedingten Inkompetenz fällt mir noch etwas ein. Klar ist, dass irgendjemand jene Arbeiten erledigen muss, die all die Unfähigen unmöglich erledigen können. Natürlich gilt das nur, sofern diese Arbeiten irgendeinen Sinn haben, was in Bezug auf manche Behörden infrage steht. Die Tatsache, dass sich anfängliche Kompetenz mittelbar von jetzt auf gleich in Inkompetenz verwandelt, warf frühzeitig massive Probleme auf. Diese Probleme erzeugten evolutionären Druck, die Natur werkelte an einer Lösung. Letztlich legte sie dem Homo Bürokratikus die unter höheren irdischen Lebensformen einzigartige Fähigkeit zur geschlechtslosen Selbstvermehrung in die Wiege. Seither folgt er dieser Grundanlage. Leider mildert seine bemerkenswerte Fähigkeit das Grundproblem keineswegs ab, da der Bürokratikus Kompetensis rasch und unabwendbar zum Bürokratikus Inkompetensis mutiert. Da weder Sie noch ich oder wir gemeinsam diesen Pfusch der Natur zu beheben vermögen, belassen wir es dabei und widmen uns nochmals dem Kernthema.

Die manchen Deutschen wie Kleister anhaftende Vorstellung, der Alpenrepublikaner sei vom Scheitel bis zur Sohle titelverliebt, entspringt einer sträflich leichtfertigen Verallgemeinerung eines weithin zu beobachtenden Phänomens: Tatsächlich sind die meisten Österreicher durchaus stolz auf ihre Titel. – Warum auch nicht? Im Gefolge eines gern geübten Austausches von Visitenkärtchen sprechen sie einander mit Frau Diplom-Ingenieurin oder Herr Kommerzialrat Magister Doktor oder Frau Magister Magister oder Herr DI FH an. Aber dahinter steckt keine Eitelkeit. Vielmehr halten es die Leute so, um zu verinnerlichen, mit wem sie es zu tun haben, und dem anderen mitzuteilen, wer ihn langweilt. Dass selbst enge Freunde einander im Beisein Fremder vielfach mit Titeln ansprechen, beruht ebenfalls auf rein praktischen Erwägungen: Die Leute wollen Fremden helfen, zu erfahren, in welches Schublädchen er oder sie gehört. Das ist nett, wirklich zuvorkommend.

Fragwürdig erscheint die Mutmaßung, bürgerliche Kreise hätten Adelstitel abgeschafft, um die staatsbürgerliche Gleichheit zu unterstreichen. Diese Annahme findet Beobachtungen eines meiner entfernten Bekannten zufolge keine Bestätigung. Dem in Molekularbiologie promovierten Taxifahrer aus dem Kosovo kommt es vor, als würde sich eine bürgerliche Mehrheit hinsichtlich ihrer Selbstwahrnehmung und Selbstdarstellung eher am geschassten Adel als der Arbeiterschaft orientieren. Ich denke, dieser Ausflug ins Tragisch-Komische bescherte Ihnen die nötige Ausgeglichenheit, sich erschütternden Enthüllungen zu stellen.