Freiherr Hochtrab zu Niedergang

Denken ist unangenehm

So, erledigt, bin wieder da. Ich erwog, Kapitel 2 neuerlich aufzugreifen. Unter dessen Überschrift – Wege in den Abgrund – ließe sich weiter und weiter schreiben, aber Abwechslung schadet nicht. Doch nun in medias res!

Während ich die eisenbeschlagene Kirschholztruhe im Gang durchstöberte – ich suchte Süßes –, entwarf ich rasch ein Grobkonzept, wie ich Ihnen die Sache mit dem zu meiner furchtbaren Lage geführt habenden Schnapsen erklären kann, ohne Ihnen das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Zu Ihrer Erinnerung: Zwischen den Zeilen deutete ich wiederholt hauchfein an, welch enormer sozialer Druck sich aufbaut, wenn man nachdenkt. »Man« bezeichnet in gegebenem Zusammenhang mich als unmittelbar am Spielgeschehen teilnehmenden Kartenspieler. Nachdenken genießt in gewissen Kreisen jedoch allgemein einen schlechten Ruf. Dem Nachdenken haftet nämlich ein subversives, ein revoluzzerisches Gerüchlein an, das allen Herrschenden stinkt. Es stinkt rechten und linken Diktatoren, die links mit rechts verwechseln. Es stinkt Königen, Sultanen, Parteibonzen, Päpsten und allen anderen fest im Diesseits verwurzelten Jenseitsverwaltern sowie – nicht zu vergessen – Wirtschaftskapitänen verschiedenster Couleur. Wenn Sie nachdenken, stinkt das jedem Betrüger. Machen wir die anrüchige Sache am Beispiel der geheiligten Marktwirtschaft fest. Deren lauthals ausposauntes Grundgebot lautet: »Du sollst nicht nachdenken, ob du Geld ausgibst, du musst Geld ausgeben! Ob du welches hast oder nicht, ist einerlei!«

Nun brechen wir unser Beispiel auf eine nachgeordnete Ebene herab. Auf die Automobilindustrie meinetwegen. Deren Haltung ist klar: »Du sollst nicht nachdenken, ob du ein Auto kaufst, du musst eines kaufen!«

Der Hersteller der Marke GroßMurks, um ein weiteres Exempel zu bemühen, wird Ihnen eintrichtern: »Du sollst nicht nachdenken, welche Marke dich anlacht, du musst einen GroßMurks kaufen. Und zwar einen unserer Ladenhüter, die nehmen nämlich Platz weg, die sind totes Kapital!«

Angeführte Beispiele wirken harmlos, auch wenn sie unterschwellig Unwohlsein wecken mögen. Steigern wir die Dosis enthüllter Hinterlist, wird es rasch schmerzlich. Vorsorglich beginne ich mit einer unverfänglich wirkenden Frage: Was ist das oberste Ziel jedes Herrschers, jeder regierenden Clique? – Na? Fällt es so schwer, die Antwort zu finden? Denken Sie einfach an all die tauben, blinden, im Mumifizierungsvorbereitungsstadium angelangten Diktatoren. Denken Sie an die einst für die Sowjetunion und Rotchina typischen Gerontokratien. – Klingelt es noch immer nicht? Denken Sie an das Wort »kleben«. Gut, jetzt haben Sie es! – Diese selbsternannten Heilsbringer wollen ums Verrecken nicht abtreten, sie kleben an der Macht.

Macht erschließt vielfältigen Möglichkeit, sich wichtig vorzukommen. Darin liegt ihr Reiz, ihr Zauber, ihr Fluch. Macht bedeutet vor allem, anderen Menschen vorschreiben zu können, wie sie sich zu verhalten haben. Es geht um Sie. Macht bedeutet, Ihnen Vorschriften machen zu können, Ihnen wegnehmen zu können, was Sie erarbeiteten, erbten oder zusammenstahlen. Diese Feststellung betrifft Sie natürlich nicht beziehungsweise nur höchst eingeschränkt, wenn Sie zu den wirklich Mächtigen zählen. Wenngleich es grundsätzlich möglich ist, dass Sie ein fest im Sattel sitzender Diktator sind, halte ich das für wenig wahrscheinlich. Falls ich einer Fehleinschätzung erlegen sein sollte, überspringen Sie die nächsten Abschnitte. Sie zu lesen, würde Sie als erfahrenen Tyrannen langweilen. Denken Sie sich derweil neue Gemeinheiten aus oder schüchtern Sie Ihr darbendes Volk mit einer schneidigen Militärparade ein. Ich nehme schwer an, Sie mordeten hier und da, um Ihre Macht zu erringen, nun morden Sie vermutlich, um sie zu bewahren. Damit stehen Sie keineswegs alleine da. Viele hielten und halten es wie Sie. Andere würden sich bedenkenlos an die Macht morden, wäre das ungestraft möglich. Die das nicht können, wählen andere Mittel, um einen hohen Sessel zu erobern und ihre errungene Stellung zu sichern. So behaupten böse Zungen von einem deutschen Kanzler mit pfälzischem Zungenschlag, der Koloss hätte alle Personen in seinem Umfeld, die einen IQ jenseits von einhundert Punkten zu erkennen gaben, plattgemacht. Dieselben bösen Zungen unterstellen seiner politischen Enkelin, sie hätte ihm in unvorteilhaft geschnittenen Jäckchen nachgeeifert. Letzteres erscheint widersprüchlich, denn dann wäre dem Pfälzer ein kluger Kopf durch die Lappen gegangen oder die von seinem zur Frau gewordenen Mädchen als Richtwert bemühte IQ-Marke wäre deutlich unter einhundert Punkten anzusiedeln gewesen. Aber egal. Einem bayerischen Ministerpräsidenten, der unter anderem durch eine Affäre um Jagdflugzeuge in Erinnerung blieb, wird übrigens nachgesagt, er hätte ihn umgebende Intelligenz dermaßen gründlich niedergemacht, dass sich im Bereich seiner einstigen Wirkungsstätte bis heute ein Vakuum erhielt. Ein fader Witz, ich weiß. Ist alles nicht wahr.

Das Plattmachen ausgewachsener Intelligenzeinheiten stellt selbstredend einen Notbehelf dar. Als erheblich wirkungsvoller erweist es sich, das Nachwachsen machtbedrohender bzw. systemgefährdender Intelligenzen von Anfang an zu unterbinden oder intelligent geborenen Nachwuchs derart zurechtzubiegen, dass er in ausgewachsener Form den Vorstellungen der Mächtigen entspricht. Diese an der Wurzel ansetzende, also radikale Methode erfreut sich über alle politischen Systeme hinweg großer Beliebtheit.

Ich kann mir lebhaft ausmalen, wie gespannt Sie einer Beschreibung gängiger Vorgehensweisen harren. Gleichwohl zögere ich mit Rücksicht auf Ihr Wohlbefinden, Ihnen Einzelheiten zu vermitteln. Ich stelle mir nämlich vor, Sie sitzen gemütlich beim Essen am hübsch gedeckten Tisch oder sehen Nüsschen knabbernd fern, während Sie diesen enthüllenden Text lesen. Und das nicht allein.

Rein interessehalber: Haben Sie eine Familie? Eine, in der eitel Sonnenschein auf der Tagesordnung steht? Ach wirklich! Das ist aber schön! – Wissen Sie, was gar nicht schön ist? Sie zählen zu einer aussterbenden Art. Sie und Ihre Familie. Nein, ich hebe nicht auf Ihre Zugehörigkeit zur menschlichen Art ab. Die stirbt todsicher aus. Zu dieser Erkenntnis gelangten wir bereits. Ich sprach die Art Ihrer Familie an. Die, genau diese funktionierende Familie, ist allen Mächtigen ein Dorn im Auge und ein Stachel im Fleisch. Intakte Familien bilden nämlich seit jeher Inseln des Widerstands gegen eine obrigkeitliche Indoktrination. Nicht alle, aber viele. Nicht nur sie, doch sie besonders. Aber, mögen Sie einwenden, das kann nicht sein! In Deutschland nicht, in Österreich nicht! Man tut doch alles Erdenkliche, um Familien zu fördern. Alljährlich mehr! Geht das so weiter, gibt es demnächst Krippen für Neugeborene! Sie haben recht, damit ist zu rechnen. – Um Kindern von Anfang an zu vermitteln, dass Vater Staat alles regelt und jedes Problem löst. Zudem dient dieser Ansatz in Staaten, die einer Wachstumsdoktrin folgen, der Entfesselung brachliegender Konsumpotenziale. Arbeiten beide von der Kindererziehung freigestellte Elternteile, können sie – blendet man negative Effekte explodierender Wohnungsmieten und dergleichen aus – mehr Geld auf den Kauf unnützer Dinge verwenden, von deren Verkauf unsere Wirtschaft lebt.

Apropos Kinder und Wirtschaft: Früher wollte die Obrigkeit Kinder, weil sie Soldaten wollte, heute will sie Kinder, weil sie händeringend Konsumenten sucht! Es lebe das BIP! Konsum muss her! Um einem Knick der Wachstumskurve vorzubeugen, die immerzu aufwärts weisen muss. Weil die Welt, wie wir sie kennen, untergeht, wenn diese vergötterte Linie eine Weile lang fällt. Das ist kein Witz. Nein, ich überzeichne nicht einmal.

Nun steigt das BIP nicht einfach, bloß weil es mehr Kinder gibt, die einmal erwachsen werden – und hoffentlich nicht auswandern. Kinder müssen gezielt, mit allen Mitteln in die Lage versetzt werden, zu konsumieren. Ständig, überall, frei von Bedenken, ohne Schuldenängste. Ihnen muss die pure Lust auf ständigen Konsum eingeimpft werden. Es darf kein Zaudern, Zögern, Halten geben, wenn ein Verkaufsschild lockt. Ihr Konsum muss wachsen, immer nur wachsen. Schon deshalb, weil viele Rentner und Pensionäre – in Österreich sind alle Ruheständler Pensionisten – die Lust am Konsum verlieren oder mangels Kreditwürdigkeit nicht länger mit Geld um sich werfen können. Der Nachwuchs muss derartige Ausfälle durch gesteigerte Ausgabenfreude ausgleichen. Und eine Schippe drauflegen. Jahr für Jahr, besser noch allmonatlich. – Sie denken, solch ein System sei krank? Das ist es tatsächlich. Todkrank. Es kann langfristig unmöglich funktionieren. Dieses aberwitzige System wäre längst tot und begraben, wäre die Industrie nicht auf eine grandiose Idee verfallen. Der Trendsetter schlechthin saß – wie kaum anders zu erwarten – in den gemessen an einigermaßen rationalen Wirtschaftsvorstellungen übergeschnappten USA. Gegründet wurde die Firma von einem ausgewanderten Franzosen, der 1802 mit der Herstellung von Sprengstoffen begann. – Sie kommen nicht auf den Unternehmensnamen? Gut, hier ein Tipp: Die Firma wirkte am Manhattan-Projekt, an der Atombombenentwicklung mit. – Sie stochern noch immer vergebens in Ihrem Gedächtnis herum? Gut, hier noch ein Hinweis: Denken Sie an Feinstrümpfe. Nein, nicht an irgendwelche, sondern an Nylons. – Den Zusammenhang und die Stoßrichtung verstehen Sie nicht? Oh weh! Ich sehe, ich muss etwas ausholen. Doch vorher entschuldigen Sie mich bitte für einen Moment. Ich vermeine Stimmen im draußen tobenden Sturm zu vernehmen. Womöglich pirschen sich Späher dieser finsteren Gesellen an, die hinter meinem Fell her sind.