Freiherr Hochtrab zu Niedergang

Laufmasche vereitelt Weltuntergang

Nylons: Diese seinerzeit mit Naht versehenen Damenstrümpfe traten ihren Siegeszug Ende 1939 in der im US-Staat Delaware gelegenen Stadt Wilmington an. Damals standen Amerikas Evas Schlange für diese verhüllend-enthüllenden Hingucker. Für diese Blickfänger hätte die europäische Nachkriegsfrau ihr letztes Hemdchen hergegeben. Gerüchtehalber ließen viele altweltliche Damen die Hüllen tatsächlich fallen, um diese knisternden Strümpfe zu ergattern. Bevor Sie vorschnell den moralischen Zeigefinger heben: Verheerende Kriegsverluste hatten das Geschlechtergleichgewicht in manchen Ländern, insbesondere in Deutschland, völlig aus dem Lot gebracht. Männer waren rar; verständlicherweise taten viele Mädels, was sie konnten, um nicht leer auszugehen.

DuPont fertigte schmeichelnde, wunderbar anzusehende Nylons. Wie im Vorabsatz angedeutet, rissen sich die Damen um die hübschen Teile. Allerdings nicht oft. Die Dinger erwiesen sich nämlich als nahezu unverwüstlich. Kaum zu glauben, aber wahr: Diese Dinger waren laufmaschenfrei! – Und heute? Heute packt eine Frau vorsorglich drei Strumpfhosen ein, um ihr laufmaschenfreies Heimkommen von einem Kinobesuch halbwegs sicherzustellen. Und daran ist DuPont schuld.

Die Firmeningenieure glaubten damals, sich verhört zu haben, als sie ihren in der Chefetage ausgetüftelten Auftrag vernahmen. Im Vorspann seiner Rede lobte der Vordenker ihre herausragende Leistung, diese tollen Strümpfe gemacht zu haben. Dann brachte er die entsetzlichen Auswirkungen der fantastischen Strumpfqualität zur Sprache: den Unternehmensbankrott! Den Untergang des Abendlandes! Den Untergang der kapitalistischen Welt! – Klingt theatralisch, meinen Sie? Unglaubwürdig? Hysterisch? Blöd? – Irrtum! Der Vordenker stand auch keineswegs alleine da. Jeder halbwegs intelligente Wirtschaftsanalytiker wusste, dass ein fortgesetzt verkaufter laufmaschenfreier Damenstrumpf das Ende der westlichen Wirtschaft einleiten würde. Zwingend. Das entscheidende Stichwort nannte ich: »verkauft«. Ware, die hält und hält und hält, unterminiert die Wirtschaftswelt. Weibliche Sammelleidenschaft hin oder her: Kaum eine von Evas sanftmütigen Töchtern hortet mehr als zehn, zwanzig, dreißig Strumpfhosen im Schrank. Gingen die nicht kaputt, wäre das Marktfeld futsch. Dreißig Stück innerhalb von sechs, sieben Jahren! Stellen Sie sich das einmal vor! Dreißig Stück sind heute ruck, zuck hinüber.

Doch hören wir nochmals in die denkwürdige DuPont-Versammlung jener Tage hinein. Der Vordenker rief der Schar angetretener Laborkittelträger sinngemäß folgende Worte zu: »Forscht, Ihr Chemiker, Ihr Ingenieure, forscht! Erfindet Strümpfe, die kaputtgehen! Die rasch kaputtgehen! Erfindet Strümpfe, die nichts taugen!« Wenig später taugten Nylons nichts mehr. Musste so kommen, muss so sein: Qualitativ hochwertige Produkte vernichten das System. Früher oder später werden sie verboten. Weltweit.

Ich walzte die DuPont-Geschichte bewusst ein wenig aus, um Ihnen den wahren Geist der scheinheiligen Wachstumsprediger nahezubringen. Das Beispiel illustriert, was die gesamte Industrie dieser Welt inzwischen tut: Sie baut Sollbruchstellen ein. Oder setzt auf komplexe Komponenten, die komplett ausgetauscht werden müssen, wenn ein Schräubchen rostet. Und sie redet Ihnen mit gigantischem Werbeaufwand ein, dass Sie unbedingt immer das neueste Modell von etwas brauchen, das Sie nicht brauchen. Unbedingt. Haben Sie es nicht, sind Sie out. So was von out. Total out.

So ziemlich die einzigen Industrieunternehmen, die vermutlich nie Sollbruchstellen erfanden beziehungsweise erfinden mussten, das verdient eine Erwähnung, waren US-amerikanische Autobauer. Was diese High-Tech-Schmieden nach den glorreichen Zeiten der Tin Lizzy – zu Deutsch Blechliesel – bis um die Jahrtausendwende ausstießen, waren sozusagen einzige Bruchstellen. Die chromblitzenden Schlitten der vierziger bis siebziger Jahre schafften es angeblich nur huckepack auf Lastwagen zum Händler ums Eck. Und von dort nur mit Anschieben in die Garagen der Kundschaft, von wo aus sie nur mittels Abschleppen in die nächste Werkstatt zu befördern waren. Blöderweise blieb der Abschleppwagen unterwegs sehr häufig liegen. Aus dem ab Werk schrottigen Zustand mancher amerikanischer Karossen erklärt sich der Siegeszug des Käfers. Diese optische Karikatur eines Automobils mit dem gemessen an US-Standards mit leichten Rasenmähermotoren vergleichbaren Vierzylinder lief und lief und lief. Damals vergaß der zur Distanzüberwindung gezwungene Amerikaner sogar sein Lebensmotto: Mehr Schein als Sein. Vermutlich arbeiten die Amis in diesem Segment bis heute nicht an Sollbruchstellen, schließlich geht auch so zuverlässig allerhand kaputt. – Heißt es jedenfalls.

Um nochmals auf feingewebliche Strumpfwaren zurückzukommen. In einer kiezigen Kneipe fiel mir an einer keineswegs prüden Rockträgerin auf, dass sie ihre gazellenhaften Beine krampfhaft aneinanderpresste und ebenso überschlug. Ich – blauäugig, wie ich damals war, und so geradlinig, wie ich noch bin – fragte die von zwei ansehnlichen Mannsbildern gerahmte Schöne, weshalb sie nicht für kleine Mädchen ginge oder ob sie vielleicht Angst hätte, dass ihr einer der feschen Steroidschlucker unter den Rock greifen würde. Ihre Antwort öffnete mir die Augen: Sie müsse nicht pinkeln, sagte sie. Angst habe sie auch keine. Wäre im Grunde sogar nett, ein bisschen von dem modellathletischen Blonden angemacht zu werden. Nur hätte sie Angst davor, sich eine Laufmasche einzuhandeln, würde sein Daumen über ihre Schenkel streicheln. – Das sagt viel aus, finden Sie nicht? Über heutige Strumpfqualitäten. In dieser Anekdote drückt sich zugleich etwas Fundamentales aus: Hier wurde ein womöglich zu dringend gebrauchtem Nachwuchs führendes Vorspiel unterbunden! Von der Strumpfwarenindustrie! Und dann jammern neoliberalistische Marktanbeter über ausbleibenden Kindersegen! Das ist grotesk im Quadrat!

Ich bemerke mit Schrecken, in welchem Affenzahn die Zeit verfliegt. In Anbetracht meiner bedrohlichen Lage sollte ich mich kürzer fassen. Dennoch: Ich denke, es war aufschlussreich, die Laufmaschenthematik anzureißen. So, jetzt wird es aber Zeit, Ihnen die Geschichte mit dem verhängnisvollen Schnapsen zu erzählen.