Freiherr Hochtrab zu Niedergang

Österreichs Fiktivrealität

Der Ausgangspunkt entfächerter Enthüllungen verlor sich Ihres Erachtens im Hintergrund? Sie erliegen einem Irrtum: Das Ereignis, jede Szene, jedes Detail brannte sich in die Netzhäute meiner eisgrauen, Frauen betörenden Augen. »Ha!«, mögen sie ausrufen, »Die Netzhaut bildet den Augenhintergrund, also steht das Ausgangsereignis bei dem gejagten Burschen mit dem schwindenden Zeitbudget im Hintergrund.« Sie irren neuerlich. Die Netzhaut bildet gewissermaßen den Vorhof an der Verarbeitung optischer Reize werkelnder Gehirnpartien. Diese Meisterleistung der Natur kann mit Fug und Recht als Vordergrund bezeichnet werden. Apropos Gehirn: Dieser Neuronenverbund zeigt uns die Welt nicht, wie sie ist. Vielmehr schustert jeder eigene Bilder zusammen. Keine zwei Menschen sehen dasselbe. Damit wird klar, was davon zu halten ist, wenn Leute behaupten, dies oder jenes gleich zu sehen: Entweder lügen sie schamlos oder sitzen Illusionen auf. Nun aber zum Auftakt dieses Höllenritts.

Wie mehrfach angeklungen, begann alles scheinbar harmlos beim Schnapsen. Dieses der Bézique-Familie zuzuordnende Kartenspiel ähnelt stark dem Sechsundsechzig. Man spielt es zu zweit oder dritt oder auch zu viert. Spielt man es zu dritt, setzt immer ein Mitspieler für eine Runde aus, weil das Spiel selbst nur zu zweit spielbar ist. Es sei denn, man spielt mit sich selbst. Ich gestehe, der Satz kann falsche Assoziationen wecken. Sagen wir also: gegen sich selbst. Spielt man dieses nur zu zweit spielbare Spiel zu viert, setzen immer zwei Mitspieler aus, was sie zur Rolle von Kiebitzen verdammt. Ob ein unmittelbarer Bezug zwischen diesem Karten- und Schachspielbeobachter bezeichnenden Begriff und dem Vanellus vanellus, einer monotypischen Vogelart aus der Familie der Regenpfeifer besteht, ist umstritten. Dieser spannenden Frage werden wir in diesem enthüllenden Dokument mangels Zeit unmöglich nachgehen können. Das mit der Spielerzahl und dem Aussetzen beim Schnapsen klingt übrigens komplizierter als es ist. Das ist an sich egal, soll aber gesagt sein.

Wie das beim Kartenspielen so sein kann, trinkt man vielleicht das eine oder andere Gläschen. Im seinerzeitigen Rahmen wählten wir freilich ausgewachsene Gläser, um Risiken zu vermeiden und räumlichen Gegebenheiten Rechnung zu tragen. Niedliche Kölschgläschen können verschluckt werden oder bei säumigem Ausschank zur Austrocknung führen, Maßkrüge beanspruchen unmäßig knapp bemessene Tischfläche. Das lässige Hinwerfen der Karten, aufgetürmte Münzen, Feuerzeuge, Zigarettenpäckchen, Tabakbeutel und all das, was noch zu einem ordentlichen Kartenspiel gehört, lassen wenig Platz zum Abstellen dieser Riesenpötte. Zudem besitzen sie einen Schwachpunkt: werden sie lotrecht gehalten oder hingestellt, passen sie nicht unter jeden Zapfhahn. Sie während des Zapfens schräg zu halten, löst das Problem nur bis zu einem gewissen Neigungswinkel. In jener Kneipe, in der jene denkwürdige Begebenheit stattfand, wäre der zu groß gewesen, also kein Kübel bis zum Eichstrich voll geworden. Und unter der Eich liegende Bierspiegel in jungfräulichen Gläsern deuten Steirer als schäbigen Versuch betrügerischer Vorteilsnahme gieriger Wirtsleute. Aufwallender Unmut über schlecht eingeschenktes Bier stellt aber kein rein steirisches Phänomen dar. In Zusammenhang mit schlecht eingeschenktem Wiesnbier durch München geschwappte Wogen heller Entrüstung und überschäumender Empörung untermauern diese Aussage. Um Unwissenden eine kleine Hilfestellung angedeihen zu lassen: »Wiesn« bezeichnet den Schauplatz des alljährlich im September beginnenden Oktoberfests. Die regelhaft in kollektiven, vielfach zur individuellen Bewusstlosigkeit führenden Besäufnissen mündende Massenveranstaltung ist auch im Ausland bekannt. So dürften die meisten Österreicher diese muntere Festivität vom Hörensagen kennen. Andere lagen selbst einmal unter einem dortigen Tisch oder purzelten beim Tanzen von einer Bank. Was man sich unter der Wiesn vorzustellen hat, erhellte ich eigentlich nur mit Blick auf das geostrategisch benachteiligte Vorarlberg. In die traumhaft schönen Landstriche dieses aufregenden Bundeslandes gelangt man leider schwer hinein. Umgekehrt bereitet es Mühe, von dort irgendwohin zu kommen. So abgeschieden, wie oft behauptet, ist Vorarlberg jedoch keineswegs: in abgeschiedene Regionen der Schweiz oder Tirols gelangt man von dort aus vergleichsweise leicht.

Mein ewiglich wacher Instinkt wispert mir zu, über einen Exkurs nachzudenken. Zwar entzieht sich mir, weshalb mein niemals rastender Instinkt darauf pocht, doch beuge ich mich seinem Drängen aus triftigem Grund: Zu irgendetwas müssen Instinkte gut sein, andernfalls wäre ihre Existenz als evolutionsbiologischer Irrweg einzustufen. Ich halte die Evolution für einen Fakt, obwohl ich bezüglich unserer seelisch-geistig-moralischen Verfassung keinerlei Fortschritt ausmache. Allemal keinen positiven. In mancherlei Hinsicht besaß der steinzeitliche Jäger überlegene moralische Vorstellungen. Dessen bin ich mir sicher, weil mir entsprechende Beweise vorliegen, die in diesem enthüllenden Dokument hier und da aufblitzen dürften.

Apropos: Wussten Sie, dass sogenannte Kreationisten die Evolutionstheorie bestreiten? Diese Leute nehmen das biblische Buch Genesis wörtlich. Dort steht – glauben sie – nachzulesen, ihr Gott habe unsere Welt vor etwa 6.000 Jahren erschaffen. Diese Perspektive erscheint interessant: Ihr zufolge wäre die Erde lange nach der Domestizierung von Pferd, Ziege, Schaf und allerlei anderen uns ans Herz gewachsenen Tieren gemacht worden. Ob ihr Gott die Erde aus kindlichem Spieltrieb, Langeweile oder Böswilligkeit heraus fabrizierte, scheint diese Anti-Evolutionisten weniger zu beschäftigen als die Erklärung dieses Erst-das-Pferd-dann-die-Welt-Tricks. Ein wegen Steuerhinterziehung und Sozialbetrugs ins Kittchen gewanderter Verfechter des Kurzzeitkreationismus setzte übrigens eine satte Belohnung für einen über jeden vernünftigen Zweifel erhabenen empirischen Beweis aus, dass Entstehung und Entwicklung des Universums und des Lebens ohne göttliche Einmischung stattfanden. Das wirkt albern: Wieso beweist dieser Kriminelle nicht einfach, dass ein Gott die Finger im Spiel hatte? Witzig war der überaus geistreiche Gegenzug aus dem Lager des Flying Spaghetti Monsterism. Diese auch als Pastafarianismus bekannte Spaßreligion kreist um eine namensgebende Gottheit, nämlich das Fliegende Spaghettimonster. Anhänger dieser satirischen Glaubenslehre setzten eine wahrlich satte Prämie für einen unwiderlegbaren Beweis aus, dass Jesus nicht der Sohn dieses Himmlischen war. Aber gut. Mein ungeduldig quengelnder Instinkt ruft und ich folge ihm. Wozu hat man Instinkte, wenn man nicht auf sie hört?

Sie erinnern sich? Den Aufhänger für dieses Streiflicht lieferten messerscharf formulierte Aussagen zu Vorarlberg. In anderen österreichischen Gegenden gehen unhaltbare Gerüchte über dieses kulturgeschichtlich unfassbar interessante Bundesland um. Das spitzzüngige Gerede betrifft beispielsweise naturräumliche Gegebenheiten. Blicken wir diesbezüglich auf 1978 zurück. Damals erfolgte die Eröffnung des ohne die 1.100 Meter lange östliche Galerie 13.972 Meter langen Arlbergtunnels. Nach vollbrachtem Durchstich erreichte Vorarlbergs wunderschöne Landschaften ein erster Lichtstrahl. Das behaupten viele Österreicher, obwohl sich kein Vorarlberger einer Jahrtausende währenden Dunkelheit erinnert. Die gab es dort auch nie. Fakt ist: Ungezählte Alpenrepublikaner verraten eine erschreckende Unkenntnis in Bezug auf den lichtdurchfluteten, ganz und gar nicht wilden Westen des Landes. Oder Bösartigkeit. Letzteres zu unterstellen, erscheint angesichts des österreichischen Gemüts allerdings weit hergeholt. Ehe sie mich einer romantisierenden Pauschalierung bezichtigen: Natürlich gibt es den Österreicher so wenig wie die Österreicherin. Auch scheint es weit weniger Österreicher zu geben, als uns amtliche Bevölkerungsstatistiken weismachen wollen oder sollen. Ich könnte Sie mit Beweisen erschlagen, ziehe es jedoch vor, Wahrnehmungen Einheimischer sprechen zu lassen. Nehmen wir beispielsweise einen Steirer beiseite. Eignen wir uns seine ererbte, unerschütterliche, aus feinsinnigen Wertungen zahlloser Fakten destillierte Sichtweise an. Genehmigen wir uns besinnliche Augenblicke, stimmen wir uns ein. Durchstreifen wir gedanklich die atemberaubenden Landschaften der Steiermark, von denen die meisten erwachsenen Einheimischen zumindest hörten. Ja, das machen Sie gut, wirklich gut. Sie entwickeln Vorstellungen abseits des Gewohnten, beginnen anders zu empfinden. – Und nun hören Sie mit diesem Unsinn auf. Schluss damit! Sie können niemals, nie im Leben steirisch empfinden, wenn Sie kein gebürtiger Steirer sind. Das wollte ich Ihnen verdeutlichen. Was auch immer Sie sich vorstellten, welche Gefühle auch immer Sie durchströmten, mit dem steirischen Kosmos hatte das nicht das Geringste zu tun. Da Sie den Steirer nie und nimmer verstehen können, komme ich nicht umhin, Ihnen die Pforten zu seinem grenzenlosen Universum aufzustoßen. Sie wissen ja, Franken sind gewohnt, Unmögliches ein bisschen möglich zu machen. Schlüpfen wir also ins Innerste des Steirers, schauen wir von dort aus hinaus, betrachten wir Österreichs Landkarte durch seine Augen. – Na, was sehen wir da?

Unser gleichermaßen bodenständiger wie weltoffener Geselle betrachtet Wiener nicht als echte Österreicher, womit er dem Wiener Selbstverständnis entspricht. Den ausgeprägter Flachlandverliebtheit verdächtigen Burgenländer sieht er als hier slowakisch, dort slowenisch beeinflussten Halbungarn an. Salzburger ordnet er – auf eingehende mundartliche Untersuchungen gestützt – dem Südbayerischen beziehungsweise Baierischen zu. Was Niederösterreicher anbelangt, neigt er einer ähnlichen Einschätzung zu wie hinsichtlich des Wieners. Kärntner erscheinen ihm ungebührlich italienisiert, Tiroler ungeheuer, Vorarlberger ziemlich eidgenössisch. Bleibt der Oberösterreicher, den er instinktiv in die Nähe des Salzburgers und damit des Baiern rückt. Kurzum: Der Steirer weiß, dass er Österreicher ist, bezogen auf die Bewohner aller anderen Bundesländer ist er sich dahin gehend nicht so sicher. Umgekehrt gilt dasselbe. Und selbstredend gilt es für alle Landesbevölkerungen untereinander. Im Klartext: Sie wissen jeweils, dass sie echte Österreicher sind, in Bezug auf die Bewohner aller anderen Bundesländer sehen sie diesbezüglich teils baumdicke Fragezeichen. Für Sie als Zuwanderer oder Urlauber liegt der Vorteil dieser prickelnden Konstellation auf der Hand: Sie begegnen überall in diesem herzerfrischend unkomplizierten Land waschechten Österreichern. Egal, wo Sie sich aufhalten. Das ist doch fantastisch! In Frankreich sieht es gänzlich anderes aus, auf den britischen Inseln, erst recht in den Arabischen Emiraten oder Saudi-Arabien.

Womöglich ausgebrochenen Überschwang und Auswanderungsdrang sollten Sie zügeln: Packen Sie Ihre sieben Sachen erst nach mehrstündigen Probeaufenthalten. Oder unterlassen Sie das. Das wäre vielleicht besser so. Ich kann Ihnen nachempfinden, falls sich das erhebende Gefühl eingestellt haben sollte, das wunderbare Land und dessen musische, zartbesaitete Einwohner riefen Sie lauthals. – Nur, was rufen Sie zurück? Wie erwidern Sie diese sirenenhaften, diese betörenden Rufe? In welcher Sprache? Mit welchen Worten? Österreichern fällt es schwer genug, sich untereinander zu verstehen. Für Sie als Fremden verschärft sich die Ausgangslage in diesem herzerfrischend unkomplizierten Land, klettern Sie von der jeweiligen Landesebene auf die lokale hinab. Sofern Sie kein Auto oder Motorrad zur Hand haben, das es gestattet, die vielen Deutschen furchteinflößenden Tunnel zu durchfahren, führt Ihr Weg auf die örtliche Ebene vielerorts über Berge. Über hohe Berge, die zu erklimmen, eine Kondition erfordert, die kaum ein Deutscher mitbringt. Wollen Sie das Abenteuer dennoch wagen, beginnen Sie im Burgenland. Dessen hinsichtlich der Raumüberwindung bestechende Vorteile für Flachlandgewächse deutete ich oben an: Das Burgenland ist herzerfrischend flach, ja ein Muster flächendeckender Barrierefreiheit. Ober- und Niederösterreich sind großteils auch ziemlich flach. Aus Sicht deutscher Mittelgebirgskinder. Für Bewohner niederrheinischer Gegenden oder an den Gestaden von Nord- und Ostsee Herangewachsener und dort Gebliebener gilt das nur unter Vorbehalt.

Gerade jetzt, da Sie brandheißen Enthüllungen entgegenfiebern, macht uns dieses Sauwetter einen Strich durch die Rechnung. Ich muss hinaus, um die Axt an angeschwemmtes Geäst zu legen. Ein Elend kommt selten allein, heißt es. Das scheint wahr zu sein, ich könnte Arien davon singen.