Freiherr Hochtrab zu Niedergang

Wege in den Abgrund

Die Überschrift darf getrost als Zusammenfassung der zurückliegenden Menschheitsgeschichte aufgefasst werden. Zugleich beschreibt sie unsere rabenschwarzen Aussichten: Es geht abwärts. Wir befinden uns in einer Endzeitsituation. Ich will Ihnen durch nichts begründete Hoffnungen auf ein längerfristiges Überleben unserer Art keineswegs rauben. Aber: Irgendwann ist einfach Schluss. Früher oder später. Die Dinosaurier überdauerten Jahrmillionen. – Und dann? Dann war Schluss. Dinos besaßen uns gegenüber einen schlagenden Überlebensvorteil: Sie durchstreiften irdische Landschaften unbeschwert von all den wahnhaften Vorstellungen, deren Entstehung wir unserem höher entwickelten Gehirn anlasten müssen. Mit bedrückenden Details will ich Sie nicht belasten. Nein, von wollen kann keine Rede sein. Ich muss Ihnen unliebsame Wahrheiten vermitteln. – Wieso, mögen Sie fragen. Worin liegt der tiefere Sinn, wenn ohnehin bald Schluss ist? Damit sprechen Sie aus, was ich andeuten wollte: Wir suchen krampfhaft einen Sinn, obwohl das unsinnig ist. Allemal in Bezug auf unser baldiges Ende. Wie auch immer: Es war von Anfang an klar, dass irgendwann Schluss sein würde. – Sie verweigern sich einer Anerkenntnis dieser Feststellung? Meinetwegen tun Sie das. Aber, rein interessehalber: Liefern Sie ein Argument, das diese unumstößlich wahre Aussage entkräften könnte. – Natürlich Können Sie das nicht, weil sich die Realität unmöglich widerlegen lässt! Falls es Sie tröstet: Aller Wahrscheinlichkeit nach gehen die Lichter für Sie und mich früher aus als für unsere Spezies in ihrer Gesamtheit. Doch ziehen wir einen vorläufigen Schlussstrich, einen Aufbruch markierenden Zwischenstrich sozusagen. Ich verspüre keine Lust, ins Philosophische abzudriften. Wenden wir uns der in diesem enthüllenden Dokument mündenden Begebenheit zu.

Neulich saß ich mit einheimischen Gemeindegrößen beim Schnapsen zusammen, nachdem wir uns niedergelassen hatten, Bier bestellt worden war und ein erstes Spiel seinen Anfang genommen hatte. Die Typen strahlten gelassene Selbstsicherheit aus, in der sich ihre jahrzehntelange Erfahrung im Schnapsen ausdrückte. Zwar bemühten sie sich, ihre empfundene Überlegenheit unter den Teppich zu kehren, doch das gelang ihnen trotz selbstauferlegter Selbstbeherrschung allenfalls bedingt. So leicht täuscht selbst ein Steirer einen Franken nicht. Erst recht keinen, der – wie ich – auf psychologische Studienerfahrungen zurückblickt. Tatsache. Auch das mit der Psychologie. Während meines geowissenschaftlichen Studiums besuchte ich nämlich eine Psychologievorlesung. Spaßeshalber sozusagen. Allerdings entpuppte sich der vermeintliche Spaß während einer quälend gedehnten Viertelstunde als gruseliges, ja traumatisierendes Erlebnis. Das Gefasel und Gezappel des nach meiner Diagnose unter einem hyperkinetischen Syndrom und akutem sexuellen Notstand leidenden Professors machte mich krank. Übergangslos, ohne Vorlaufzeit. Ich schürfte damals, nachdem ich mich einigermaßen erholt hatte, tiefer. Meine Ergebnisse in Bezug auf Psychologen kann ich Ihnen schwerlich vorenthalten, ohne mich einem schlechten Gewissen zu überantworten.

Bündig zusammengefasst lässt sich feststellen, dass sich meine Literaturstudien und Feldforschungsprojekte zu einem klaren Bild verfestigten: Die weit überwiegende Mehrheit aller Psychologiestudenten scheint dieses Fach zu wählen, um sich selbst zu analysieren und lockere Schräubchen nachzustellen beziehungsweise festzuziehen. Ich schränke bewusst ein. Wie Sie mittlerweile festgestellt haben dürften, liegt mir nichts weniger, als dem verbreiteten Hang nachzugeben, verallgemeinernde Aussagen zu formulieren. Es ist ungerecht, ungerechtfertigt, schlicht unsachlich, alles und jeden über einen Kamm zu scheren. Nicht von ungefähr machen Polizei und Justiz – zwei Säulen jedes demokratischen und diktatorischen Systems – etwa in den USA grundsätzlich Unterschiede zwischen Arm und Reich, Schwarz und Weiß, Rechts und Links, Prominenz und Massenmensch. Gut, vielleicht saß ich dahin gehend böswilligen Fehlinformationen von Medienkonzernen auf, die von mittellosen Minderheiten gesteuert werden. Was Nachrichten aus diesem Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten anbelangt, muss man sicherlich sehr genau abwägen, was man glauben kann oder glauben soll. In Italien kamen von irgendwem beeinflusste Meldungen beziehungsweise gezielte Fehlinformationen zum Entstehungszeitpunkt dieses enthüllenden Dokuments natürlich weit seltener vor. Das lag daran, dass nicht irgendwer Einfluss nahm, sondern landauf, landab derselbe Mann. Dieser öliges Grinsen anscheinend als vertrauensbildend betrachtende Medienmogul, der es zum Ministerpräsidenten brachte. Ja, stattgegeben, das Thema wirkt unappetitlich. Bevor Übelkeit aufkommt, wenden wir uns den angesprochenen Erkenntnisse in Bezug auf Psychologiestudenten zu.

Meine Recherchen ergaben, dass sich an nahezu jeder Universität, die ein Psychologiestudium anbietet, über die Jahre hin tatsächlich eine Handvoll als seelisch-geistig ausgeglichen einzustufender Anfänger einträgt. Doch dann, spätestens gegen Ende des ersten Semesters, tritt eine Veränderung zutage: Die ursprünglich fröhlichen, gelösten, zu ungetrübten Wahrnehmungen fähigen Naturen sehen vor sich, hinter sich und um sich herum nur noch Probleme beziehungsweise Problemfälle. Plötzlich nehmen sie an jedem Menschen Symptome wahr, die auf mehr oder minder schwerwiegende psychische Defekte schließen lassen. Um ein Beispiel anzuführen: Im Bettnässen eines Anderthalbjährigen erblicken diese kühl rational analysierenden Hoffnungsträger einer seelisch erschütterten Menschheit Vorboten eines Ödipus-Komplexes, mithin eine sich anbahnende sexuelle Störung, die einerseits nach tiefenpsychologisch basierten Gesprächstherapien, andererseits nach einer Verabreichung starker Psychopharmaka verlangt. Oder stellen wir uns folgende Szene vor: Ein Dreikäsehoch wirft sich schreiend vor Papa und Mama auf den Bürgersteig. Er trommelt glühend zornig mit den Fäusten auf den in westdeutschen Städten typischerweise löchrigen, rissigen, bröckelnden Asphalt. Der angehende Psychologe beginnt zwanghaft getrieben, Ursachenforschung zu betreiben. Hellwach, wie dieser scharfsinnige Denker ist, sticht ihm nach halbstündiger, nach dem Ausschlussprinzip vorgenommener Abwägung etwas ins Auge: das über dem brüllenden Knirps schwebende Logo einer zur Identitätsvernichtung unserer Städte beitragenden Schnellfutterkrippe. Elektrisiert merkt das sich längst als Retter seiner Mitmenschen fühlende Zweitsemester auf und hört genauer hin. In seinem windungsreichen Hirn entwickelt sich eine erste, eine hauchfeine Ahnung, was die Psyche des mittlerweile unablässig kreischenden Kleinmonsters beschweren könnte. Und plötzlich durchzuckt unseren Aspiranten auf den Nobelpreis ein Geistesblitz: Er sieht ein Opfer vor sich! Das wehrlose Opfer grausamer Eltern, die diesem armen Wicht eine Cola und Pommes verweigern! Da unser baldiges Drittsemester interdisziplinär indoktriniert ist, begreift es, konsumschädigende, tragende Pfeiler unseres Wirtschaftssystems untergrabende Exzesse unverantwortlicher Knauserei vor sich zu sehen. Und, selbstredend, ein dringend von Sozialberatern und Psychologen auf den rechten Weg zu führendes Elternpaar, das – durch nichts zu entschuldigen – glaubt, Kindern irgendwelche Grenzen setzen zu müssen. Die beiden sind ihm ohnehin verdächtig: Einmal, weil sich moderne Frauen und Männer in die Rollen Alleinerziehender hineinemanzipierten. Zum anderen, weil sich ein gemischtgeschlechtliches Paar dagegen sträubt, sich rund um die Uhr von seinem Sprössling tyrannisieren zu lassen. Unsere bis ins Mark erschütterte Geistesgröße sieht das entsetzliche Ergebnis dieser verhängnisvollen Gesamtkonstellation vor seinem inneren Auge auferstehen: einen wild um sich schießenden Amokläufer.

So sehr ich die Glanztaten österreichischer Denker im Allgemeinen zu schätzen weiß, so sehr bedauere ich, dass Sigmund in frühen Kindertagen offenkundig der eine oder andere Lutscher vorenthalten wurde. Seine fragwürdige psychologische Tiefenanalyse wäre uns vermutlich erspart geblieben, hätten ihn seine mutmaßlich hartherzigen Eltern seinerzeit konsequent ruhiggestellt beziehungsweise seine Gelüste hemmungslos befriedigt. Sein damaliges Unbefriedigtwerden übertrug sich augenscheinlich in ein quälend-nagendes Unbefriedigtsein, das Sigmund – der Freud – lebenslang nie abzuschütteln vermochte.

Selbstredend liegen Sigmunds Jünger mit mancher Diagnose richtig. Etwa in Bezug auf den Zusammenhang zwischen frühkindlichem Nasebohren und Sexualfantasien. Dasselbe gilt verstärkt hinsichtlich des Nasebohrens pubertierender Mädchen und Jungens. Die stille Botschaft dieses unbewussten Tuns ist offenbar: »Ich suche sexuelle Befriedigung. Hier und jetzt, auf der Stelle.« Bohren im Umgangssprachlichen verhaftete, pragmatisch orientierte Adoleszierende im Nasengang, lautet die unausgesprochene Kernaussage sinngemäß: »Ich will ficken beziehungsweise gebumst werden. Wurscht wo, Hauptsache sofort.« Unsere Psychologen sind mit derartigen Feinheiten vertraut. Die Seelenklempner durchschauen jede unserer Regungen glasklar. Was mir aufstößt, ist ihr Hang zum Dramatischen: So bauschen sie Scheidung oder Freitode lieber Verwandter zu furchtbaren Schicksalsschlägen auf. — Wozu? Scheidungen und Selbstmorde lieber Verwandter zählen zu den Alltäglichkeiten in heutigen westlichen Gesellschaften. Zugegeben, in Sachen Selbstmord haben Südkoreaner und Japaner die Nase vorn. Aber dafür gibt es rationale Erklärungen. Die auf Japan zutreffende springt unverbildete Zeitgenossen geradezu an: In diesen Schuhschachteln, die in Tokio und anderen dortigen Großstädten als Wohnungen gelten, ermangelt es an Platz, um gehobene sexuelle Fantasien ausleben zu können. Das wäre kein Beinbruch, bestünde die Möglichkeit sublimierenden Nasebohrens. Aber genau das, dieses unbeschwert sublimierende Popeln, verunmöglichen die beengten Raumverhältnisse. Dieser Fakt besagt im Umkehrschluss, dass in Berlin und Wien, eingeschränkt auch in London und New York, ungleich vorteilhaftere Rahmenbedingungen für ein lustvolles In-der-Nase-Bohren zahlreiche Selbstmorde verhindern.

Doch zurück zum Ausgangspunkt: Ich breite meinem Ego schmeichelndes Wissen über Psychologen und deren Fach lediglich aus, um Ihnen die Situation zu Beginn des damaligen Schnapsens nahezubringen. – Sie erinnern sich? Gut, geben wir Gas.

Also, diese lebensgehärteten Burschen hatten sich eisern im Griff. Da zuckte kein Muskel in ihren verwegenen Gesichtern, da wippte kein Bein in diesem verräterischen Rhythmus, der bei dem erwähnten Psychologieprofessor auf hochgradige Unausgeglichenheit schließen ließ. Da war nichts dergleichen feststellbar. Ich schreibe diese seelische Robustheit andeutende Tatsache frühkindlichen Erfahrungen dieser Landeier zu. Durch schlagende Beweise unterfüttern kann ich meine These zugegebenermaßen nicht. Zahlreiche unscheinbare Details sprechen jedoch dafür, dass jeder dieser Kerle wiederholt bei dem Versuch abblitzte, Bonbons oder einen Lolli zu erbetteln. Ich wage sogar zu behaupten, dass diese Typen im frühkindlichen Stadium wiederholt mit nachgelegten erpresserischen Maßnahmen scheiterten, deren Stoßrichtung darin lag, ihre Begierden über den Umweg zielgerichteter Zerrüttung des elterlichen Nervenkostüms letztlich doch zu stillen.

Unter Bemühung eines umgangssprachlichen Wortbildes lässt sich meine Beobachtung auf einen kurzen Nenner bringen: Wem im Kindesalter ein-, zwei-, dreimal ein ersehnter Lutscher versagt bleibt, wird später kein Lutscher. Wie sich fortwährende Lutscherverweigerung auswirkt, vermag ich nicht zu beurteilen. Vermutlich übersetzt sich diese Erfahrung jedoch in deutlich überdurchschnittliche Beschaffungsfähigkeite und den beinharten Willen, diese Fähigkeiten auszuschöpfen. In diesem Zusammenhang von Diebstahl oder Betrug zu sprechen, wäre angesichts traumatisierender Bekam-nie-Lutscher-Erfahrungen sicherlich übertrieben.

Verknüpft mit einigen weniger wirkungsmächtigen Faktoren erklären geschilderte Zusammenhänge übrigens ein bemerkenswertes Phänomen. Es ließ sich unter den gemessen an der menschlichen Grundgesamtheit wenigen reichen Unternehmerfamilien beobachten: Die erste Generation erwarb ein Vermögen, die zweite mehrte es, die dritte brachte es durch. – Wieso war und ist das so? Nun, während des Aufbaustadiums steckten die Firmengründer jeden Cent in ihr junges Unternehmen; sie dachten nicht daran, quengelnde Sprösslinge mit Naschwerk zu beschwichtigen. Parierte der Nachwuchs nicht, gab es Stubenarrest oder setzte heiße Ohren. Viele unverwöhnt aufgezogene Kinder entwickeln sich zu bestimmten, einfallsreichen Naturen. Kommen sie ans Ruder, besitzen sie Geld, stehen jedoch unter dem elterlichen Druck, mehr daraus zu machen. Oder sie wollen sich beweisen, dass sie mehr daraus machen können. Für dieses an Sinnlosigkeit kaum zu überbietende Ziel rackern sie mit aller Kraft. Derweil verhätscheln ihre vormals strengen Eltern ihre Enkel. Sie blasen ihnen Zucker in den Hintern. Konsequenz: Die nie zur Beharrlichkeit oder Raffinesse genötigten Kleinen wachsen zu antriebslosen Weicheiern heran, die aus reiner Langeweile und täglich erfahrener Nutzlosigkeit heraus mit Geld um sich werfen. Der fränkische Volksmund brachte es einst auf den Punkt: »Willst du, dass aus deinen Kindern etwas wird, lasse sie stets ein wenig hungern und frieren.« Gesagt, getan, heraus kamen der »Hammer« Karl Martell und Karl der Große. Man sieht: Werden einfachste erzieherische Regeln beherzigt, legt man den Grundstein für die Entwicklung. durchsetzungsfähiger, allen Widrigkeiten trotzender Persönlichkeiten.

Aber Sie haben recht: Letztlich ist gleichgültig, ob wir Macher und Beweger oder Jammerlappen heranzüchten. Wir stehen am Abgrund, bald ist Schluss.