Freiherr Hochtrab zu Niedergang

Macht des Weiblichen, mieser Jäger

Ein mir vorhin über die bierfeuchten Lippen geglittener Volksmundspruch – ich neige bisweilen zu Selbstgesprächen, das sei ehrlichkeitshalber und einer überzeugenden Erklärung des erwähnten Lippengleitens zuliebe gesagt – führt zu weiteren spannenden Gesichtspunkten. Man könnte diese keck unter der Überschrift »Weibliche Herrschaft über den Westen und andere Teile der Welt abhandeln.« Aber das geht nicht. Der Frau auf den Kopf zuzusagen, dass sie als erziehungsmonopolistisches Geschlecht genau jene Männer hervorbrachte und hervorbringt, die sie einst wollte, heute aber nicht mehr mag, traut sich kein Mann auszusprechen. Jedenfalls keiner, dessen Überlebensinstinkte halbwegs funktionieren. Sich nach mehrjähriger Vorbereitung in schützender Vollmontur aus stratosphärischen Höhen plumpsen zu lassen, um – der Schwerkraft sei Dank – todsicher unten anzukommen, beweist vielleicht ein egomanisches Gemüt, aber nicht ansatzweise jenen Mut, der erforderlich ist, einer Frau als Mann mal einfach so zu widersprechen. Sich mit der Frau – wie in Bezug auf deren ökologisch desaströse Bilanz geschehen – im Sinne eines Geschlechtskonzepts anzulegen, erfordert mehr als Mut. – Aber, was rede ich? Diese Aussage gilt nicht minder auf der individuellen, der rein zwischenmenschlichen Ebene. Und das schon in Bezug auf Erwartungsfrauen, also weibliche Wesen im Windelalter bis hin zum pubertären Stadium. Hierzu eine von unzähligen Männergenerationen schmerzlich erfahrene Kurzformel für den unter weiblicher Fuchtel zur Karikatur gewordenen Macho von heute: Je intimer die Situation, desto näher all der als Wurfgeschoss einsetzbare Nippes, den Frauen zwanghaft anschleppen bzw. von ihrem abgerichteten Deppen anschleppen lassen, und ihm bedenkenlos an die Hirnschüssel werfen, muckt er auf. Bevor sich von ihrer Männlichkeit überzeugte, hintenherum zum Hanswurst gemachte Leidensgenossen anderer Diener der Schöpfung erregen: Die Frau repräsentiert das in allen Belangen überlegene geschlechtliche Prinzip. Das wollte die Natur so, das richtete sie so ein. – Glauben Sie nicht? Wollen Sie nicht glauben? Warum, Sie Selbstbetrüger, verschließen Sie sich einfachsten, unserer Sprache zu entnehmenden Weisheiten?

Bemühen wir nur einmal Gott, den christlichen beispielsweise. Der ist männlich. Ja, ich weiß, es gibt ihn nicht. Darum geht es hier aber nicht. Worum es geht, ist zunächst einmal dies: Der christliche Gott, der real nicht existiert, ist ER. Ein Er. Und dieser Gott tut dies und das, weil er seiner Natur gehorcht. – Klar, oder? Gut. Fragt sich, welches Prinzip sich hinter Natur verbirgt. – Auch klar, nicht wahr? Das Weibliche. Die Großschreibung ist korrekt. Dass Gott höchstselbst einem weiblichen Wesen, nämlich seiner Natur gehorcht, beweist schlagend, wer die Hosen anhat.

Falls sich Ihnen die unabweisbare Logik entfächerter Gedanken entziehen sollte, hier der Klartext: Es heißt DIE Natur. Die Natur ist weiblich. In allen Sprachen dieser Welt. Jedenfalls glaube ich das. Falls ich irren sollte, setzten sich abgehängt vorkommende Männer – hier als geschlechtliches und zugleich individuelles Prinzip zu verstehen – sprachlich durch. Aber eben nur sprachlich. Die ersten Götter der Menschheit waren – obwohl inexistent – allesamt weiblich. Spätestens die beschworene Mutter Erde sollte Sie aufmerken lassen. Aber gut, vielleicht leben Sie auf oder hinter dem Mars. Ich will dort übrigens nicht leben. Sich der Anerkenntnis eines irdischen weiblichen Diktats im Sinn der Natur zu ergeben, fällt angesichts der unwirtlichen Bedingungen auf und hinter dem Mars nicht allzu schwer. Ja, auf der Venus – die ist eine Sie – sind die Bedingungen noch übler als auf dem roten Planeten. Und in der Hölle – sie trägt im Deutschen den Weiblichkeit anzeigenden Artikel die – angeblich grauenhaft. Aber DER Himmel lockt mich entschieden weniger, als DIE Hölle. Der Höllenfürst, Luzifer, war ein dem Menschen wohlgesonnener Rebell! Der Lichtbringer! Wie Prometheus, den ein kleinlicher, eitler Gott grausam quälte, weil der Menschenfreund uns das Licht brachte! Weil er uns unabhängig machte! – Warum verteufelte die Christenheit ein uns zuneigendes Wesen? Wieso betet sie ein Ungeheuer an? In einem Kriminalroman brachte ich auf den Punkt, was für ein Wesen die jüdisch-christliche Welt verehrt: Liest man ihre geheiligten Schriften, springt uns ein Gott an, der alle, ausnahmslos alle übelste Psychopathen kennzeichnende Merkmale in übersteigerter Form aufweist. Dieser Gott entpuppt sich als krankhaft eitles, egoistisches, grausames, rachsüchtiges, sprunghaftes, bösartiges, intrigantes, unfähiges, menschenverachtendes, blutrünstiges, schizophrenes Monster. – Dazu verdammt zu sein, ewig mit solch einem Widerling unter einem Dach zu wohnen, kann nur die Hölle sein.

Die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau ist natürlich interessanter, als es Geschichten über albtraumhafte Märchenfiguren jemals sein könnten. Ein wenig plauderte ich bereits aus dem Winkel der Verschwiegenheit heraus. Doch all die spannenden Enthüllungen, lieber Leser, verblassen zu einem blutleeren, von Erregungslosigkeit getragenen Vorspiel. – Vor dem Hintergrund dessen, was Sie nun erwartet. Vor dem Hintergrund einer Wahrheit, die Ihre Selbsteinschätzung, Ihr Selbstbewusstsein, Ihr gewohntes Denken zerstäuben wird. Mit einem einzigen, einem gewaltigen Hieb. Zu vergleichen ist das, was auf Sie zukommt, mit einer dem Rohr der Dicken Berta entfauchten Granate. Ja, mein Lieber, für Sie hob ich mir etwas sehr, sehr Spezielles auf. Den ultimativen Treffer sozusagen. Den verpasse ich allen Machos nun genüsslich, fies und hinterhältig. – Gespannt? Wie eine Stahlfeder? Wie ein Voyeur in einem Gesträuch, vor dem sich Aphrodite zu entblättern verspricht? Gut so. Das erfreut mich. Das ist ganz in meinem Sinn, das entspricht meinem fiesen, hinterhältigen Plan. Bersten sollen Sie vor lauter Spannung!

Ha, ha, ha! Reingefallen! Reingefallen sind Sie! Die Vorstellung, Sie aus dem Gleichgewicht zu bringen, ist so ziemlich die unangenehmste Vorstellung, die ich mir vorstellen kann. Ich wollte Ihnen lediglich behutsam zurufen, dass Sie ein personifiziertes biologisches Überschussprodukt darstellen. Inhaltlich betrifft Sie diese Aussage natürlich nur dann, wenn Sie zu jenen vierzehn von fünfzehn Männern zählen, die arterhaltungsbezogen als überflüssig zu betrachten sind. Als so was von überflüssig, dass man sich mit instinktgeborener Unwillkürlichkeit fragt, ob die Natur immer so recht weiß, was sie tut. Denn: Wozu braucht es 1,06 Männer je Frau, wenn ein Mann genügt, um dreißig Frauen zu schwängern und damit – natürliche Ausfälle eingerechnet – eine ordentliche Nachwuchsrate zu sichern?

Nun werden Sie, hellwach wie Sie sind, fragen, wie ich von dreißig Frauen auf die angeführten fünfzehn Männer komme. Nun, diese Zahlen beruhen auf einem auf Grundlage vielschichtiger Analysen aufgestellten Frauenfutterbeschaffungskoeffizienten, kurz FFBK. Sprachlich modern gekleidet, lässt sich der FFBK als FVK – Frauenversorgungskoeffizient – bezeichnen. Diesem FFBK beziehungsweise FVK zugrundeliegende Formeln sind zu komplex, um sie hier vorstellen, geschweige erläutern zu können.

Ich leitete erste FFBKn als Achtjähriger für das Jahr 15.300 vor unserer Zeitrechnung ab. In der durch das angehängte n ausgedrückten Mehrzahl drückt sich aus, dass ich gesonderte FFBKn für verschiedene Großregionen berechnete. Werden diese FFBKn gemittelt, ergibt sich ein GDFFBK, ein Globaldurchschnittsfrauenfutterbeschaffungskoeffizient. Dieser lag vor 17.300 und ein paar Jahren bei 15. Das heißt, ein Mann wäre seinerzeit fähig gewesen, fünfzehn Frauen mit Jagdbeute zu versorgen. Diese hohe Versorgungsleistung erreichen heute keine der wenigen überlebenden Jäger, nicht einmal Inuit oder San. Zur Erklärung: »San« bezeichnet die von Buren abwertend »Buschmänner« genannte Urbevölkerung Südafrikas. Die Herkunft des Namens gilt als ungeklärt. In Nama, einer Sprache der Khoisan, steht San – auch nicht schmeichelhaft – für Bandit und Taugenichts. Inuit bilden zusammen mit den Yupik und Aleuten die Eskimo, die diese, ich meine einem Algonkin-Dialekt entsprungeneFremdbezeichnung jedoch ablehnen.

Wie eingehende Forschungen ergaben, wurde kein von mir berechneter FFBKn jemals erreicht. Auch nicht zu Zeiten der ersten Menschen. Dieser Fakt beweist, dass der Mann seinem rechnerisch eindeutig bestätigten Jagdertragskoeffizienten während seiner gesamten Geschichte hinterherhinkte. Das bedeutet schlicht, dass die Evolution das wahre männliche Potential niemals hob. – Entweder merzte sie die männliche Faulheit nie aus oder versäumte es, die Jagdfähigkeiten des Mannes in jeweiligen FFBK beziehungsweise dem GDFFBK entsprechendem Maße zu entwickeln. Um Ihrem Verdacht, eine scheinlogische Argumentation vor sich zu sehen, die Spitze zu nehmen, sei Folgendes gesagt: Der FFBK stellt lediglich eine Basisgröße dar, die ich zur Berechnung des FUKFBK heranzog. Denn, wie Sie unschwer erkannt haben werden, ist Nachwuchs zu berücksichtigen. Vor 17.300 und ein paar Jahren erfolgte dessen Ernährung bis zum Alter von durchschnittlich 3,456 Jahren unmittelbar über mütterliche Versorgungsorgane, zur Hälfte also mittelbar über eine fünfzig Prozent des Kalorienbedarfs der Mutter deckende Jagdbeuteversorgung eben dieser Mutter durch den Mann. Dieser ernährungstechnische Umweg über den mütterlichen Körper kommt vordergründig einer Energieverschwendung gleich, erklärt sich jedoch daraus, dass der menschliche Säugling als physiologische Frühgeburt einzustufen ist. Die anfängliche Zahnlosigkeit der anfangs kriech- und gehunfähigen Schreihälse belegt das. Apropos: Gazellen, Gnus, Gämsen, Hasen, aber auch Löwen und Tiger wären nach wenigen Generationen ausgestorben gewesen, würde ihr Nachwuchs erst nach einem Jahr auf die Beine kommen.

Mit Einzelheiten zum FUKFBK – dem Frauen-und-Kinderfutterbeschaffungskoeffizienten – kann ich mich mangels Zeit nicht aufhalten. Klar ist, der FUKFBK muss in dramatisch zu nennender Größenordnung unter dem FFBK liegen. Und das infolge eines Doppelschlags der Natur gegen den Mann: Einerseits hob sie dessen Potenziale nie, zum anderen behängte sie ihn mit Frau(en) und Kind(ern)! Der Mann – hier wieder einmal als geschlechtliches und zugleich individuelles Konzept zu verstehen – geriet sozusagen zwischen Hammer und Amboss. Der Mann – nun rein als individuelles Konzept zu begreifen – musste gleichsam inflationieren. Genau gesagt: inflationiert werden. Denn, Inflation tritt nicht ein, sondern wird gemacht. Man könnte meinen, der Mann trachtete nach einer anteiligen Erhöhung seiner Zahl, um sich Arbeit zu ersparen. Um endlich Zeit für seine Hobbys – voran das Schaukeln in der Hängematte, einem frühen Vorläufer der Couch – zu finden. Das Gegenteil trifft zu! Dazu später mehr. Zunächst gilt es, einer weitverbreiteten Fehlvorstellung zu begegnen.

Vielfach wird vermutet, die Natur hätte auf einen hohen Männeranteil hingewirkt, um die Sicherheit von Sippen oder Stämmen zu erhöhen. Das ist Unfug, das ist purer Stuss. Viele Männer hier, viele Männer dort, mehr Männer hier, mehr Männer dort – das nennt sich Nullsummenspiel. Vermutlich beruht die im Zeitablauf anzunehmende Zunahme des Männeranteils auf einer noch heute weithin zu beobachtenden Bevorzugung männlichen Nachwuchses. Ursprünglich ging die Vorliebe für Babys mit Schwänzchen wahrscheinlich von der Frau aus. Diese absonderlich anmutende Neigung lässt sich auf einen zweifachen Antrieb zurückführen, der belegt, dass die Frau mit der Natur unter einer Decke steckte: Einerseits wollte die Frau mehr Männer, um ihren Nahrungsbedarf und den ihrer von der Natur heiß geliebten Kinder mit größtmöglicher Zuverlässigkeit sicherzustellen. Andererseits hatte sie den Mann in trauter Gemeinsamkeit mit der Natur einfach so gern, dass sie einen dieser haarigen Typen ganz für sich haben wollte. Leider ging der Schuss nach hinten los: Der inflationierte Mann vereinnahmte die Couch und eignete sich die Herrschaft über die Fernseherfernsteuereinheit an.

Die im vorangegangenen Satz hart und kompromisslos vorgenommene Faktendarstellung entfesselte in Ihnen, liebe Leserin, zweifellos einen Orkan widerstreitender Gefühle. Damit – das gestehe ich freimütig ein – rechnete ich. Ja, mir war bewusst, mit der Erwähnung von Couch und TV-Fernbedienung Salz in ewiglich blutende Wunden zu streuen, ja die Grenze des Erträglichen zu schrammen. Nur: Besaß ich eine Alternative? Hätte ich diese quälenden Tatsachen unterschlagen sollen? Sie unerwähnt lassen dürfen? Wir müssen uns der Wahrheit stellen! Sehen Sie mich an! Ich befinde mich in einer außerordentlich ernsten Lage. – Und, was mache ich? Ich blicke dieser niederschmetternden Realität trotz ausgeprägter Kurzsichtigkeit scharf und kämpferisch gestimmt ins Auge! Zugegeben, ich vergleiche Äpfel mit Birnen, denn anders als ich, sehen Sie sich naturgesetzlich festgeschriebenen Grausamkeiten ausgesetzt: In der Liegelust des Mannes, in seiner eisernen Umklammerung der Fernbedienung treten Ihnen unabänderliche Gewalten entgegen. Aber: Sie besitzen die Möglichkeit, sich diesem nervlich zerrüttenden, seelisch zermürbenden, sich täglich wiederholenden Angriff auf Ihre Lebensfreude zu entziehen!

Offenbar schlägt mir das offenkundige Leid der Frau auf den Magen. Ich muss mich entschuldigen, um etwas zu erledigen.