Immobilienmakler

Sprachgemogel

Immobilienmaklern eilt hierzulande kein schmeichelhafter Ruf voraus. Diesbezüglich rangieren sie zusammen mit Politikern am unteren Ende einer langen Liste. Wohnungsmakler schneiden besonders schlecht ab. Dafür zeichnen mehrere Gründe verantwortlich. Einen, mit den wichtigsten, beleuchtet folgender Text.

Makler arbeiten umsatzorientiert. Somit neigen sie dazu, ihre Produkte verlockend zu verpacken. Ihr Leitsatz lautet: Hübsche auf, was du loswerden willst. Übersetzt heißt das: Verkaufe ein Bild, eine Vorstellung, eine Illusion. Darum geht es bei jeder Werbung: positive Gefühle hervorzurufen, die vernünftige Wertungen überblenden. Insofern fallen selbst blumig textende Makler keineswegs aus dem Rahmen des Gewohnten. Allerdings sind Immobilien – ob Verkaufs- oder Vermietungsobjekte – keine Allerweltsgegenstände wie Waschmittel, Schuhe oder Handys. Das wissen Makler selbstredend, nur hindert das kaum einen, Verbalkosmetik zu betreiben. – Sehen wir uns ihren Schminkpinsel an: die Maklersprache.

Makler benutzen keine eigene Sprache, mag man einwenden. – Stattgegeben. Gewöhnlich reden die Damen und Herren in Deutschland Deutsch. Wenn dennoch von Maklersprache die Rede ist, dann deshalb, weil die Branche sprachliche Eigentümlichkeiten offenbart. Ihr Wortgebrauch kann Missverständnisse und Verstimmungen auslösen. Allerdings sind derartige Ärgernisse keineswegs allein der Maklerseite anzulasten. Würde deren Kundschaft Begriffsinhalte sorgsam wägen und klare Anforderungsprofile formulieren, bliebe manche Enttäuschung aus. Wie ein geeigneter Makler gefunden werden kann, verdient eine eigenständige Betrachtung. Ein Gütekriterium stellt die Ausdrucksweise dar. Genau gesagt: die verwendete Anzahl »stimmungsvoller« Adjektive. Begriffe wie »anheimelnd«, »beliebt«, »großzügig«, »hübsch«, »lebhaft«, »schön« spiegeln ein hochgradig subjektives Empfinden wider. – Womöglich jenes des Maklers, vielleicht das einer Kundenmehrheit. Dennoch: Diese Wörter sind Füllsel ohne faktischen Gehalt. Grundsätzlich gilt: Je mehr solcher Begriffe Anzeigen oder Exposés enthalten, desto wahrscheinlicher handelt es sich um Blendwerk, das ungünstige Objekteigenschaften verschleiern soll. Nun wäre es ungerecht, Makler in Bausch und Bogen unlauterer Irreführung zu bezichtigen. Manche glauben, was sie verbreiten. Viele gehen täglich mit Eigentümern um, die lediglich in einer Hinsicht mit dem Finanzamt übereinstimmen: dass ihre Immobilie – und sei es eine Bruchbude – wertvoll ist. Vor diesem Hintergrund wirkt manche zu vermittelnde Immobilie aus Maklersicht besser, als sie es unvoreingenommen betrachtet ist. Die Maßstäbe verschwimmen gewissermaßen.

Die erwähnte »Bruchbude« bietet einen Aufhänger, sich der Maklersprache anzunähern. Die wenigsten Branchenmitglieder bezeichnen derartige Immobilien freizügig als »Sanierungsfall« oder gar »Abrisskandidaten«. Nein, das geht feiner: Der findige Makler offeriert eine »Potentialimmobilie«. Damit gibt er klipp und klar zu verstehen, was er Ihnen andrehen will: Eine »Hütte«, in die allerhand Geld zu stecken ist, um sie in einen brauchbaren, halbwegs zeitgemäßen Zustand zu versetzen.

Das Wort »Potential« ist genial. Es lässt sich auch auf Lagen und Standorte anwenden. »Potentiallage« klingt allemal charmanter als »verwahrlostes Viertel«, »absteigender Stadtteil« oder »soziales Notstandsgebiet«. Genau diese Gegenden sind gewöhnlich angesprochen, wenn Sie das Schlagwort »Potential« anspringt. Darauf müssten Interessenten von selbst kommen. – Zumindest jene, die Eltern von Schulkindern sind und ihre Sprösslinge wirklichkeitsgerecht einzuschätzen wissen. Ist in deren Zeugnissen zu lesen, sie hätten »Potential«, heißt das, sie sind krachend faul, geistig träge oder strohdumm. Eltern verstehen die ernüchternde Bedeutung dieser schönend formulierten Botschaft mehrheitlich. – Den Makler nicht?

Verweilen wir ein Sekündchen bei Lagen und Standorten. Picken wir zunächst als ruhig beschriebene heraus. »Ruhelage« bezeichnet maklersprachlich ein reines Wohngebiet ohne nennenswerte Infrastruktur. Hier bestehen weder fußläufig erreichbare Grundversorgungseinrichtungen noch die Kneipe am Eck, geschweige Kindergärten. Kurz: hier ist der sprichwörtliche Hund begraben. Nicht zu toppen, mag man meinen. Doch, das geht. In »absoluter Ruhelage« herrscht ganzjährig Friedhofsstimmung. Zumeist reagiert die Nachbarschaft in derart beworbenen Lagen keineswegs begeistert auf Kindergeschrei und Partytrubel. Die meisten Menschen dürften »lebendigen« oder »lebhaften« Umfeldern zuneigen. Branchensprachlich gedeutet, verliert sich die Vorfreude häufig rasch und dauerhaft: Hingewiesen wird auf Standorte, an denen täglich stundenlang, wenn nicht rund um die Uhr, der vielzitierte Teufel los ist. Wem solche Lagen nicht zusagen, wird vielleicht von einer »angenehmen Nachbarschaft« angezogen. Wer welche Nachbarn als angenehm empfindet, kann ich schwerlich entscheiden, immerhin jedoch darauf hinweisen, dass sich der Begriff oftmals als hinterhältig zu nennende Verklausulierung entpuppt. – Vielfach steht er für eine von völliger Anonymität geprägte Wohnsiedlung, eher jedoch für ein von Klatsch, Tratsch und Gassigehen gekennzeichnetes Umfeld, das gemeinhin als durch und durch spießig betrachtet wird.

»Hervorragende Einkaufsmöglichkeiten« schätzt nicht nur das weibliche Geschlecht. Entsprechende Hinweise mahnen allerdings zur Vorsicht. Gewiss ist eine umfassende Nahversorgung eine feine Sache. Unmittelbar über, neben, hinter einem 10.000 qm großen SB-Warenhaus samt zweifach größerem Baumarkt zu wohnen, bereitet hingegen selten anhaltend Vergnügen. Es wird angeliefert, entsorgt, Kundenfahrzeuge fahren an und ab. Das Treiben auf riesigen Parkplätzen zu beobachten, mag spannender sein als das Fernsehprogramm, aber unerfreuliche Begleiterscheinungen überwiegen diesen Pluspunkt deutlich. Betonen Makler das Vorhandensein von Einkaufsmöglichkeiten unter Verzicht auf Entfernungsangaben, darf der Interessent nicht erstaunt sein, wenn sich das Objekt an einem Standort beschriebener Art befindet.

Auch eine »hervorragende medizinische Infrastruktur« erachten viele Menschen als vorteilhaft. Ob eine Mehrheit scharf darauf ist, unmittelbar neben einem Großklinikum oder Unfallkrankenhaus zu leben, sei dahingestellt. Gewöhnlich deutet die Wortwahl auf solch eine Lage hin.

Mobilität ist ein wesentliches Merkmal städtischen Lebens. Gut also, wenn Haus oder Wohnung beziehungsweise deren Standort mit einer »hervorragenden Verkehrsanbindung« zu glänzen vermag. Verzichten Makler auf Distanzangaben bezüglich der nächsten ÖPNV-Haltestelle, Bundesstraße oder Autobahn, droht – Sie erahnen es – Ungemach. Dann nämlich liegt die beworbene Immobilie höchstwahrscheinlich unmittelbar an einer überaus stark genutzten Haltestelle oder einer lärmenden, luftverpestenden Hauptverkehrsader. Apropos Luft: Wird ohne ersichtliche Notwendigkeit von »Flughafennähe« gesprochen, gibt der Makler einen Wink, dass sich die Immobilie in einer Einflugschneise beziehungsweise im engeren Schallbereich von Start- oder Landebahnen befindet. Ständige Lärm- und Lichtbelästigungen sind somit zu erwarten.

Den Bogen von lage- zu gebäudebezogenen Begriffen spannt die »Lageimmobilie«. Der Ausdruck ist gleichermaßen schräg wie mehrdeutig. Einerseits bezieht er sich auf Allerweltsobjekte, denen Lagebesonderheiten (Flussufer, Waldrand, Künstlerviertel etc.) einen gewissen Charme verleihen. Andererseits verweist er regelhaft auf problembehaftete Immobilien, deren einziger Vorteil in Standortgegebenheit liegt, die mehr oder weniger Zeitgenossen zu schätzen wissen.

Zu den bezaubernd klingenden Begriffen zählt das »Liebhaberobjekt«. In diese Kategorie fallen wahre »Schätzchen«: Ausnehmend ungünstig geschnittene Immobilien oder – weit öfter – solche, deren Sanierung sich als Fass ohne Boden erweisen würde. Häufig kommen schlechter Zuschnitt und fragwürdiger Zustand zusammen. Romantische Gefühle beflügeln derartige Gebäude allenfalls bedingt. Das »romantische Einfamilienhaus« auch eher ausnahmsweise. Gewöhnlich handelt es sich um verwinkelte, technisch überalterte Gebäude, an denen der Zahn der Zeit tiefe Spuren hinterließ.

Bei einem »Haus mit Nebengebäuden« dürfen Sie sich auf unbrauchbare, abrissreife Schuppen, Baracken, Garagen oder Scheunen einstellen. Schön, wenn das angepriesene Haus einen »Naturgarten« besitzt. Leider befinden sich die meisten dieser Perlen in einem dermaßen verwilderten Zustand, dass kostspielige Rodungen, umfängliche Bodenverbesserungsmaßnahmen und Neubepflanzung nötig sind.

Zu den kreativsten maklersprachlichen Umschreibungen zählt das »Raumwunder«. Der Audruck klingt chic, birgt freilich einen Wermutstropfen: Zumeist wird ein Westentaschenhaus mit Zimmerchen und Kämmerlein beworben, deren Nutzungen allerlei Verrenkungen erfordert.

»Schnäppchen« und »einmalige Gelegenheit« stehen nahezu ausnahmslos für hinten und vorn mangelhafte »Ladenhüter«.

Es gibt auch gute Botschaften. Etwa die, dass Internetquellen rasche, aussagekräftige Lage- und Standorteinschätzungen ermöglichen. Nachforschungen zahlen sich aus. Reiben Sie Maklern gewonnene Einsichten unter die Nase, erhalten Sie wahrscheinlich anspruchsgerechte Angebote. – Sofern jeweilige Marktmittler auf passende Objekte zurückgreifen können.