Indiens Perlen

Der Taj Mahal in Agra

Einführung

Bildtapeten des Taj Mahals zählen zur Grundausstattung zahlloser indischer Fotostudios. Abermillionen Hochzeitspaare lassen sich vor diesem Hintergrund ablichten. Oftmals auch Totale des MausoleumsAngehörige wachsender Mittelschichten, die sich eine Besichtigungsreise leisten können. Der Grund liegt auf der Hand: Heutzutage herrscht im Taj unsägliches Gedränge. 2017 besuchten ihn werktäglich 40.000 Menschen, an Wochenendtagen 70.000. Als ich in jungen Jahren erstmals dort weilte, verloren sich wenige Handvoll Besucher in der weitläufigen Anlage. Im Gegensatz zu anderen architektonischen Glanzlichtern Indiens zieht der Taj Mahal weit überwiegend Einheimische an. Absolut gesehen freilich auch vielfach mehr ausländische Touristen als etwa Udaipurs Maharaja-Palast, Madurais Minakshi-Tempel oder Jodhpurs atemraubende Palastfestung Mehrangarh. Gewiss handelt es sich um ein einzigartiges, unvergleichliches Monument, doch die Erklärung reicht tiefer. Der »Kronenpalast« besitzt eine vermutlich einmalige Eigenheit: Die unter enormem materiellen Aufwand errichtete Anlage steht für das Immaterielle. – Sie versinnbildlicht die unsterbliche Liebe. Und die Unsterblichkeit an sich. Diese stille Ableitung vermisse ich in Erzählungen und Abhandlungen über Shah Jahans Träume stiftende Hinterlassenschaft.

Der Taj Mahal

Geschichtliches Vorspiel

Die Vorgeschichte des Taj Mahal begann 1483 im heutigen Usbekistan. Dort, in Andischon im Ferghanatal, erblickte Zahir ad-Din Muhammad Babur als Enkel Timurs (bekannt als »Tamerlan«) das Licht der Welt. Ihm lag die Eroberungslust seines Verwandten im Blut. Bereits als Vierzehnjähriger führte er Truppen gegen Sarmaqand. Er nahm die Stadt, musste sie jedoch wieder räumen. Nachdem Babur – »der Tiger« – sie dreimal besetzt und verloren hatte, nahm er Afghanistan ins Visier. Der kunstsinnige, politisch hochbegabte Haudegen gewann Anhänger, setzte sich durch, erkor Kabul zur Hauptstadt. Nachdem afghanische Gebiete als Hausmacht gesichert waren, lockte das reiche Indien. Babur legte sich mit Delhis Sultanen an. In der Schlacht von Panipat (1526) besiegelte er deren Untergang und begründete eine der schillerndsten Dynastien dieser Erde: die Mogulen.

Shah Jahan, der Auftraggeber des Taj Mahal, herrschte als Baburs fünfter Nachfolger über ein mächtiges Reich. Geboren wurde er 1592 als Prinz Khurram. Sein später angenommener Herrschername bedeutet – recht unbescheiden – »Herr der Welt«. Khurram bewies frühzeitig kriegerische Talente, verschätzte sich jedoch, als er gegen seinen Vater, Jahangir, revoltierte. Er handelte sich drei Niederlagen in Folge ein (1622, 1624, 1626). Khurram floh und fand im heutigen Bundesstaat Maharashtra Unterschlupf. Nach dem Ableben seines Erzeugers (1627) ermordeten seine Handlager die meisten Thronwettbewerber. Er bezwang einen Halbbruder im Feld und ließ ihm künftig womöglich gefährlich werdende Mogulprinzen über die Klinge springen. Er regierte von 1627 bis 1658, ehe ihn sein Sohn Aurangzeb entmachtete. Im allgemeinen Bewusstsein verblassten die Blutorgien des Thronjägers rasch. Er wurde zum tragischen Helden und untröstlichen Liebenden verklärt.

Hier kommt Arjumand Banu Begum, die in Agra geborene Enkelin eines persischen Adligen, ins Spiel. Man nannte die mildtätige Schöne Mumtaz Mahal, »Exzellenz des Palasts«. In übertragenem Sinn Seitenansicht des Mausoleumsbedeutet der verliehene Titel »Juwel« oder »Perle«. Die Verlobung der Vierzehnjährigen mit dem ein Jahr älteren Prinzen fand 1607 statt, ihre Hochzeit 1612. Arjumand war weder Shah Jahans erste noch einzige Gemahlin, wohl aber seine Favoritin. Sie gebar dreizehn Kinder. Die Geburt ihrer letzten Tochter kostete Arjumand das Leben. Sie starb im Sommer 1631 mit 38 Jahren in Burhanpur, während sie ihren Mann auf einem Feldzug begleitete. Shah Jahan verfiel in tiefe Trauer. Angeblich färbten sich seine Haare binnen Monaten weiß, er entsagte allen Vergnügungen und vernachlässigte die Staatsgeschäfte.

Es heißt, Mumtaz habe Shah Jahan vier Zusagen abverlangt: ein Grabmal für sie zu errichten, sich neuerlich zu vermählen, ihre Kinder gut zu behandeln und ihre Begräbnisstätte alljährlich an ihrem Todestag aufzusuchen. Das erste Versprechen hielt er, das zweite nicht. Mit einigen Sprösslingen verband ihn ein gestörtes Verhältnis. Den vierten Wunsch seiner Frau erfüllte Shah Jahan, bis ihn der als Sieger aus einem Bruderkrieg hervorgegangene Aurangzeb unter Hausarrest stellte. Der gestürzte Großmogul verbrachte seinen Lebensabend mit Blick auf den Taj Mahal. Ins Reich der Legenden gehört die Geschichte, wonach er das Mausoleum vom Bett aus durch einen in die Wand eingelassenen Diamanten betrachtete. Eines ist unbestreitbar wahr: Er und Mumtaz führten zeitlebens eine außergewöhnlich innige Beziehung. Ihren Tod verwand Shah Jahan nie. Er verschied 1666 im Alter von 74 Jahren. Seine letzte Ruhestätte fand er im Taj Mahal an der Seite seiner Lieblingsfrau.

Grundkonzept

Was ersteht vor Ihrem geistigen Auge, sobald der Taj Mahal zur Sprache kommt? – Ein weißes, kuppelgekröntes Marmorgebäude auf einem Sockel mit vier Minaretten? Falls ja, sehen Sie lediglich Ausschnitte eines größeren Ganzen. Tatsächlich verbinden sich im Taj vier Großbauwerke mit einer Gartenlandschaft. Zudem gehören zwei Basarstraßen sowie eine Karawanserei zu der über dem Yamuna-Ufer errichteten Anlage. Entwurf und Ausführungsplanung entstanden erstaunlich schnell. Die logistisch anspruchsvolle Umsetzung begann um die Jahreswende 1631 / 1632, also kurz nach Mumtaz Mahals Tod. Gemessen an Größe und Komplexität des Vorhabens schritten die zwanzigtausend Handwerker und Helfer auslastenden Bauarbeiten temporeich voran. Gemäß einer Inschrift über dem Haupteingang erfolgte die Fertigstellung 1648. Höfische Chroniken legen ein früheres Datum nahe: 1644. Wahrscheinlich waren wesentliche Arbeiten zu dieser Zeit abgeschlossen. Ein 1652 verfasstes Schreiben Aurangzebs lässt freilich Pfusch am Bau vermuten: Der Großmogul stellte Reparaturbedarf fest. Einer Tatsache taten Nachbesserungserfordenisse keinen Abbruch: Der Taj setzte Maßstäbe. An seiner Planung wirkten mehrere Baumeister mit. Namentlich bekannt sind Ustad Ahmad Lahauri und Mir Abdul Karim, ein bereits von Shah Jahans Vater geschätzter Architekt. Zeitgenössische Quellen heben eine dritte gestalterische Größe hervor: Shah Jahan selbst. Vorstellungen des architekturverliebten Herrschers flossen bis auf die Detailebene hinab ein. Das Ergebnis stellte sich als Vollendung der indo-islamischen Architektur dar. Mehr noch: Offenbar entspricht der Taj menschlichem Harmonieempfinden kulturübergreifend und sozusagen lupenrein. – Fällt Ihnen eine zweite Weltkulturerbestätte ein, auf die das zutrifft?

Die Konzeption des Taj spiegelte Vorstellungen von Mumtaz Mahals paradiesischem Heim wider. Die Anlage steckt voller Symboliken, die Symmetrien und hierarchische Ordnungsmuster ausbilden. Ein Beispiel bietet der hinduistische Gebräuche aufgreifende Gegensatz von weißem und rotem Stein. Weiße Baustoffe wurden der Brahmanen-Kaste (der höchsten), rote den Kshatriya (den Kriegern, der zweithöchsten Kaste) zugeordnet. Die Farbwahl drückte die gesellschaftliche Vorrangstellung der Mogulen aus, ihren Anspruch, Weisheit und Wehrhaftigkeit in sich zu vereinen. Ähnliche Anspielungen ziehen sich bis auf die Ebene einzelner Zierelemente und ursprünglicher Gartenbepflanzungen durch. Diese Feststellungen mögen sich nach Überinterpretation anhören, besitzen jedoch Hand und Fuß. Zu den Quellen zählt unter anderem die staatliche Tourismusbehörde von Uttar Pradesh. Auch sie zieht einen Schluss: Dem Taj haften selbstbeweihräuchernde und weltanschauliche Züge an.