Indiens Perlen

Der Taj Mahal in Agra

Baustoffe

Im Taj wurden vor allem drei Materialien verwendet: Lehmziegeln, Sandstein und Marmor. Um die Großbaustelle zu beschicken, kamen über tausend Lastelefanten zum Einsatz. Unmengen an Holz verschlingende Lehmziegelbrennereien befanden sich im deren Nahbereich. Sandstein brach man nahe dem fünfundvierzig Kilometer entfernten Fatehpur Sikri (ab 1571 ließ Akbar hier eine neue Hauptstadt erbauen, gab sie jedoch nach wenigen Jahren auf; sie wurde zur Geisterstadt). Der weiße Marmor stammt aus dem vierhundert Kilometer entfernten Makrana im heutigen Rajasthan. Rund dreißig zu Zierzwecken eingesetzten Edel- und Halbedelsteinarten kamen vielfach aus fernen Ländern. Jaspis erwarben Shah Jahans Einkäufer im Punjab, Jade in China, Karneole im arabischen Raum, Lapislazuli in Afghanistan, Saphire auf Sri Lanka, Türkise in Tibet.

Raumgliederung

Der Gesamtkomplex gliedert sich in zwei, durch Mauern voneinander abgesetzte Bereiche, nämlich den vom Mausoleum dominierten Kern und eine Vorzone.

Vorzone

Der Außenbereich besteht aus zwei Funktionsräumen: einem Jilaukhana (»Vor dem Haus«) genannten Zeremonienhof sowie zwei zuführenden Basarstraßen nebst einer nur noch in Haupttor zum MausoleumsbereichResten erhaltenen Karawanserei. Die fensterlosen Geschäfte reihen sich entlang eines erhöhten Arkadengangs aneinander. Von außerhalb führen drei Tore in diesen Bereich. Ost- und Westtor (Fatehbadi und Fatehpuri Darwaza) sind baugleich ausgeführt. Ihre Außenfassaden prägen Pishtaqs, rechteckige, eine Bogenform einfassende Rahmen. Das südliche, über Stufen erreichbare Tor (Sidhi Darwaza) stellt sich als gestreckte Version der beiden anderen dar. Der Zeremonienhof (Jilaukhana) befindet sich unmittelbar vor dem Haupttor (Darwaza-i-Rauza) des Kernbereichs. Nahe der Mauer befinden sich Grabwächterquartiere. Das eindrucksvolle Eingangstor mit seinen beiderseits vorgelagerten Treppen und geometrisch gemusterten Plattformen vermittelt zwischen Außen- und Kernbereich (siehe Bild rechts). Die Vorzone einschließlich Hauptportal ist abgesehen von weißen Ziermustern und Toraufsätzen in sattrotem Sandstein ausgeführt. Um so strahlender rückt das helle, am Endpunkt linienhaft angelegter Wasserspiele aufsteigende Mausoleum ins Blickfeld.

Kernbereich

Den weitläufigen Innenbereich des Komplexes prägt ein Zweiklang von Garten und Grabbauwerk. Ergänzend treten zwei beiderseits des Mausoleums platzierte, äußerlich nahezu gleich gestaltete Sandsteingebäude hinzu. Ungeachtet ihrer stattlichen Baumaße sind sie dem Zentralbauwerk klar untergeordnet.

Paradiesgarten (Char Bagh)

An der nach persischem Vorbild entworfenen Gartenanlage lässt sich das Grundthema des Taj Mahal unschwer ablesen. Wie an anderer Stelle bemerkt, reflektiert er Himmelsvorstellungen. Der Char Bagh überträgt natürliche »Jenseitsmuster« in idealisierte Raster. Als bestimmendes Gliederungselement dienen zwei einander kreuzende Weg- beziehungsweise Sichtachsen. Die Kreuzarme symbolisieren die vier, Wasser, Wein, Milch und Honig führenden Paradiesflüsse. Sie vierteln das Gartenareal exakt symmetrisch. Je zwei Totale mit Gartenausschnittschmalere Wegachsen lösen es in insgesamt sechzehn Quadranten auf. Das hierarchische Ordnungsprinzip tritt zutage. Ein sämtliche Quadrate umlaufender Weg hebt diese Teilung gleichsam auf, indem er die Einzelglieder abgrenzend zusammenfasst. Auch er spiegelt ein meines Erachtens übersehenes beziehungsweise unzureichend herausgearbeitetes Planungsprinzip der Gesamtanlage wider: Die Schaffung zwar verknüpfter, im Grunde jedoch in sich geschlossener Teilräume. Rechts eine Totale des Monuments mit Gartenausschnitt und Wasserspielen.

Im Schnittpunkt der Hauptachsen befindet sich eine erhöhte Plattform. In Einklang mit deren Fließgewässersymbolik trägt sie ein weißes, fünf Springbrunnen bergendes Marmorbecken. In Richtung des Mausoleums erstreckt sich ein niedrig gefasster, bandartiger Wasserkörper (siehe Bild rechts). Seine Mittellinie besetzen Fontänen werfende Zierkörper. Die hinter den Wasserspielen stehende Mechanik ist so einfach wie genial; sie funktioniert bis heute.

Hervorzuheben ist – was die erwähnte Staatsbehörde betont, – dass der islamische Paradiesgarten weit ältere Vorläufer kennt, zu denen freilich kein nachweisbarer Bezug besteht. Wer sowohl Sigiriya (Sri Lanka) als auch den Taj besucht, erkennt bestehende Übereinstimmungen sofort: Der Char Bagh und zu Füßen des steil abstürzenden Felsenplateaus von Sigiriya angelegte Gärten weisen im Kern dieselben Strukturen auf. Eine Mühsal der Taj-Erbauer blieb Sigiriyas Bewohnern erspart: Die Schaffung Höhenunterschiede überbrückender Wasserversorgungssysteme: Der Kronenpalast liegt auf dem Hochufer über dem Prallhang des Yamuna, Wasser war von hier nach da zu befördern. Shah Jahans Ingenieure lösten das Problem. Sie zapften den infolge unmäßiger Bewässerungslandwirtschft heute oft zum Rinnsal verkommenden Strom an. Ein Aquädukt leitete Wasser unter dem Taj südwärts in ein Speicherbecken. Wohl von Büffeln angetriebene Hebewerke beziehungsweise Schöpfräder trugen es aufwärts in hohe Tanks. Verteiler – teils offene Kanäle, teils Steinzeugrohre – speisten jeweilige Bedarfspunkt. Der schwerkraftbedingte, von Höhendifferenzen erzeugte Leitungsdruck genügte, um stattliche Fontänen tanzen zu lassen.

Das Himmelskonzept einschließlich der offenkundigen Symmetrieverliebtheit der Taj-Planer wirft eine Frage auf: Weshalb erhebt sich das Mausoleum am Gartenrand? Warum nicht in dessen Mittelpunkt? Eine diesbezügliche These setzt einen am Flussufer geplanten Garten voraus. Mir leuchtet sie so wenig ein wie anderen. Allein bestehende Höhenunterschiede und fehlende Sichtbezüge sprechen gegen ein derartiges Konzept. Manche Deuter bemühen den angeblich gegenüber dem Kronenpalast vorgesehene Schwarze Taj. Dort fände der Char Bagh seine spiegelbildliche Vollendung. Nur: Der schwarze Zwilling des weißen Taj gehört mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ins Reich der Legenden. Ungleiche Umfelder einmal ausgeblendet, spricht eine unzählige Liebesgeschichten und -gedichte durchziehende Beobachtung dagegen: Liebende zieht es zueinander, sie verzehren sich nach der Gegenwart des jeweils anderen. – Und Shah Jahan soll auf die Idee verfallen sein, sich fern von Mumtaz bestatten zu lassen? Obendrein getrennt von seinem Herzblatt durch einen seinerzeit mächtigen, oftmals gewaltig anschwellenden, das Land überflutenden Strom? Neben Gefühlen spricht die Vernunft dagegen: Beruhte das Gartenkonzept auf einem vorgesehenen Gegenstück, musste Shah Jahan das im Planungsstadium berücksichtigt haben. Dann aber wäre eine zeitgleiche Errichtung beider Komplexe logisch gewesen. Zwei gleichartige Baustellen in einem Aufwasch zu organisieren, erspart Aufwand und Kosten. Erzielbare Vorteile hätten den Wermutstropfen einer längeren Bauzeit infolge begrenzter Fachkräfteverfügbarkeit in süßen Nektar verwandelt. Aber, schallt es mir entgegen, schon das eine sündhaft teure Projekt erschöpfte die Staatsfinanzen. Auch das ist ein jeder Grundlage entbehrendes Gerücht. Umgerechnet in heutige Kaufkraft verschlang der Taj Mahal etwa 900 Millionen Euro. Lassen wir es eine Milliarde sein. – Ein hübsches Sümmchen, aber gewiss keines, dass die Schatzkammern eines sprichwörtlich reichen Großreichs leeren konnte. Zwei Wolkenkratzer gehobener Kategorie kosten ebenso viel, jeder Großflughafen zigfach mehr. Shah Jahan wäre fähig gewesen, die Mittel für zwei Tajs aufzubringen. Notfalls hätte er anderweitige Vorhaben eingestellt, verschoben oder gar nicht erst begonnen. Verkannt zu werden scheint zudem, dass sein Projekt die Wirtschaft ankurbelte. Manche hineingesteckte Rupie floss über erhöhte Steuereinnahmen in seine Schatulle zurück.