Indiens Perlen

Der Taj Mahal in Agra

Rote Zwillinge

Das Mausoleum flankieren zwei äußerlich kaum unterscheidbare Sandsteingebäude. Bereits die Baustoffwahl drückt ihre nachrangige Bedeutung aus: Einerseits ist Buntsandstein weniger wertvoll als Marmor, andererseits rückt die rote Färbung sie ins zweite Glied. Auch liegen sie tiefer und sind kleiner als das Hauptbauwerk. Weiße Kuppeln und Fassadenverzierungen mildern den Gegensatz ab und stellen ein wahrnehmungsbezogenes Wechselspiel mit dem Mausoleum her. Das westliche, vom Hauteingang gesehen links gelegene Gebäude dient nach wie vor als Moschee. Im Innern gliedern es Kuppeldecken in drei Bereiche. Im Fußboden sind die Umrisse von 569 Gebetsteppichen in schwarzem Marmor eingelassen. 569 ist eine Primzahl unter vielen, wer warum auf sie verfiel, entzieht sich mir. Das östliche Gebäude (siehe Foto) war ursprünglich eine Gästeunterkunft. Später wurde es zur Versammlungsstätte umfunktioniert. Vor beiden Bauten erstrecken sich von regelmäßigen Mustern bedeckte Plätze. Höhenmäßig abgesenkte Übergänge leiten zum Zentralbauwerk über.

Mausoleum

Das Grabbauwerk nimmt eine herausragende Stellung ein. Es liegt im Schnittpunkt aller wichtigen Sichtachsen, wirkt abgehoben von seinem Umfeld und gänzlich anders als alle anderen Bauwerke. Gleichwohl bestehen formensprachliche Schnittmengen.

Das Grabgebäude strebt aus einem annähernd sieben Meter hohen, von Pflanzenreliefs geschmückten Sockel auf. Zwei gegenläufige Fronttreppen führen auf diese fünfundneunzig mal fünfundneunzig Meter große Plattform. Sie bildet ein verstärktes Fundament, eröffnet räumliche Nutzungsmöglichkeiten, hebt das Mausoleum hervor und verbessert die Aussicht. Die Sockelecken nehmen zweiundvierzig Meter aufragende Minarette ein. Umlaufende Monument mit nur einem MinarettBalkone teilen sie in jeweils drei gleichlange Abschnitte. Diese für Moscheen typischen Türme reicherten die Mogularchitektur Anfangs des 17. Jahrhunderts an. Sie fanden sich erstmals in den Grabmalen Akbars (Sikandra, vollendet 1613) und Jahangirs (Shadyra Bagh, Lahore, 1637). Shah Jahan machte sie populär. Die Minarette des Taj sind leicht nach außen geneigt. Der bauliche Kniff dient dazu, Beschädigungen der Mausoleumskuppel infolge erdbebenbedingter Einstürze vorzubeugen. Das rechte Foto lässt drei Minarette »verschwinden«. Die Perspektive veranschaulicht, wie stark sie das Erscheinungsbild prägen. Ihre grazilen Formen verleihen dem Mausoleum seine leichte, im Mondschein wie schwebend wirkende Anmutung.

Bauwerksbasis und aufgesetzte Gebäude bestehen überwiegend aus Backstein. Teils durchmessen die Mauern mehrere Meter, vielfach handelt es sich um verfülltes, mit Eisenklammern verspanntes Schalenmauerwerk. Wie bei antiken römischen Großbauwerken sind die Mauern lediglich mit Marmor verkleidet.

Gewöhnlich ist von der Kuppel die Rede, tatsächlich besitzt das Grabmal zwei, nämlich eine innere und eine äußere. Die aus einem sieben Meter hohen Kranz aufgehende Außenkuppel ragt in einundsechzig Meter Höhe auf, die Innenkuppel erreicht bei einem Maximaldurchmesser von nahezu achtzehn Metern »nur« fünfundzwanzig Meter. Die Außenkuppel umringen kuppelgekrönte Pavillons (Chhatris) und Blüten beziehungsweise Blumensträußen nachempfundene Dachtürmchen (Guldastas). Den Abschluss bildet eine die Kuppel optisch streckende Zierspitze, die einen liegenden Halbmond durchragt. Der Halbmond zählt zu den islamischen Schmucksymbolen, doch der resultierende Dreispitz erinnert an Shiva, einen der drei hinduistischen Hauptgötter. Aus dem Gebäude führen von Spitzbogengewölben überspannte Treppenhäuser in obere Stockwerke und auf eine Dachterrasse.

Wie die übrige Anlage weist das Mausoleum sich wiederholende Formen beziehungsweise Gestaltungselemente auf. Infolge unterschiedlicher Maßstäblichkeit bilden sie Rangfolgen aus. Sie können sich hinsichtlich ihrer Funktion unterscheiden. Das offenbart die Frontfassade auf den ersten Blick. Ihr Iwan (die hohe, tief ausgeformte Torpartie) erscheint zu beiden Seiten in jeweils zwei senkrecht angeordneten Miniaturausgaben.

Der Hauptbaukörper stellt sich bedingt durch vergleichsweise schmale Schrägflächen als unregelmäßiges Achteck dar. Auch dahinter dürften sich keine reinen Geschmacksvorlieben verbergen. Wahrscheinlich spielt die Kantenanzahl auf die acht Tore des islamischen Paradieses an. Diese Deutung ist insbesondere vor dem Hintergrund des Gebäudezwecks plausibel: Es ist ein Grab, besitzt für Gläubige also unmittelbaren Jenseitsbezug. In diese Richtung spielt auch, dass sich die Acht in Innenräumen und Bodenornamenten des Sockels fortpflanzt: Sie setzen sich aus Oktogonen mit eingefügten Sternen zusammen. Die Plattform umgibt den gesamten Bau. Sie endet gleichsam in Armlänge am beziehungsweise über dem Yamuna. Die flussseitige Begrenzung ist spektakulär: Eine ornamentierte, 300 Meter lange Sandsteinmauer.

Das Herzstück des Mausoleums verbirgt sich im Bauwerkssockel, was sich den wenigsten Uneingeweihten auf Anhieb erschließt. Diesbezüglich blieben die Planer (nicht nur) bei mogulischen Grabbauwerken umgesetzten Prinzipien treu: Sie legten eine Grabhalle und darunter eine Grabkammer an. Bei den prunkvollen Sarkophagen des oberen Saals handelt es sich um Scheingräber, sogenannte Kenotaphe. Hier begegnet uns erneut die Acht, diesmal jedoch in geometrisch reiner Form: Die Halle stellt sich als von rund sieben Meter breiten Wandsegmenten geformtes Oktogon mit acht eingelassenen Nischen dar. Die Sarkophage umgibt ein ebenfalls oktogonaler, im Stil von Jalis gearbeiteter Marmorparavan. Und: Auf dem Boden finden sich achtstrahlige Sterne. Die im beziehungsweise über dem »Allerheiligsten« des Taj tonangebende Acht stützt die Theorie eines in Stein gefassten religiösen Bezugs. Die Räumlichkeit wirkt wie die Essenz eher andeutender als scharfzeichnender Umfelder. Hier nimmt Vages Gestalt an, hier verschmilzt Getrenntes. So sind die Pishtaqs schmückende Pflanzenmotive abstrakt gehalten, in der Grabhalle hingegen naturalistisch ausgeführt. Auch vereinen sie sich in prächtigen Gefäßen zu Sträußen. Vollkommen symmetrisch, wie Spiegel ihrer selbst. Im gegenwärtigen Touristentrubel fällt es schwer, derartige Feinheiten wahrzunehmen. Die Besuchermassen rauben dem Taj seinen flüsternden Zauber. Ihr Radau übertönt einen magisch anmutenden akustischen Effekt: Töne und Geräusche schweben in immer höhere Höhen. Sie hallen beinahe dreißig Sekunden nach. Auch dieses »Kind« eines meisterhaften Architekten spielt an auf jenseitige Gefilde und die Ewigkeit.

Ich besuchte den Taj erstmals, als die untere, die eigentliche Grabkammer Besuchern noch offenstand. Am Fuß hinabführender Treppen wartete eine Überraschung: Ein rechteckiger Raum. Marmorverkleidet, mit schmuckloser Decke und vergleichsweise schlichten Sarkophagen. Mumtaz Mahal und Shah Jahan begrub man nicht in, sondern neben ihnen. Und zwar quer zu deren Nord-Süd-Ausrichtung, um ihren Blick auf Mekka zu richten. Gemessen am Prunk des oberen Grabsaals wirkt die Raumgestaltung fast demütig. Gott näher, würden Gläubige vielleicht sagen. Auf Mumtaz' Sarkophag prangende Koranpassagen sprechen ebenso für sich, wie Kartuschen, in denen Allahs neunundneunzig Namen niedergelegt sind. Auch der Blumenschmuck zeigt eher bescheidenere Blüten.

Rätsel der Sarkophage

Wie mehrfach herausgestrichen, kennzeichnen den Kronenpalast Symmetrien. Es gibt jedoch eine augenfällige Ausnahme: Größe und Platzierung der Scheingräber. Jenes von Mumtaz – das kleinere – erhebt sich in der Raummitte, das von Shah Jahan westlich davon. Die Anordnung wirkt wie eine geflickschusterte Notlösung. »Seht ihr!"«, jubilieren Verfechter der Schwarzes-Taj-These, »Shah Jahan sah seine Bestattung im zweiten Mausoleum vor! Andernfalls hätte er für Spiegelbildlichkeit gesorgt.« Wer derlei behauptet, bewegt sich auf dünnem Eis. Ich wiederhole mich mit anderen Worten: Psychologische Grundgesetze sprechen dafür, dass Shah Jahan genau dort ruht, wo er ruhen wollte. Auch geschilderte wirtschaftliche Erwägungen legen das nahe. Und noch etwas: Das vor dem Taj von Nur Jahan, Großmogul Jahangirs 20. Frau, beauftragte Elterngrab. Dortige Kenotaphe weisen dieselbe Anordnung auf. Welche Gründe Nur Jahan – »das Licht der Welt« – zu dieser Lösung bewogen, erfuhr womöglich einzig Shah Jahan. – So könnte es gewesen sein, nicht wahr?