Indiens Perlen

Mehrangarh in Jodhpur

Einführung

Jodhpur liegt am östlichen Rand der Wüste Thar im indischen Bundesstaat Rajasthan. Die »Blaue Stadt« – ihre Bezeichnung geht auf vielfach blau angestrichene Häuser zurück – bevölkern über eine Million Menschen (Bild 1 zeigt eine Ansicht). Sie besitzt einige architektonische Glanzlichter, von denen eines buchstäblich herausragt: Mehrangarh. Die gewaltige Palastfestung thront auf einem 125 m hohen Felsenplateau über Jodhpurs Dächern. Der Name bedeutet »Festung der Sonne«. Er spielt auf den Gott Surya an, das »Auge des Himmels«, den mythischen Stammvater der Bauherren. Zugleich ist Mehrangarh bekannt als »Auge des Mitra (persisch »Mithra«, ein Supergott der Antike).

Mehrangarhs Hintergrund

Indiens »Wüstenstaat« Rajasthan hieß ehemals Rajputana. Der Name leitet sich von den Rajputen ab. Es handelte sich um wehrhafte Clans, die gemeinsamen Leitbildern und teils Blick auf Jodhpurin die Selbstvernichtung mündenden Ehrvorstellungen anhingen. In schrecklicher Erinnerung bleiben die Jauhars von Chittorgarh. Zweimal stürzten sich Tausende Frauen und Kinder in die Flammen oder wurden hineingetrieben, während die Krieger vor den Toren gegen überlegene Gegner antraten und fielen. Viele Rajputen gehörten zu den zähen Gegenspielern der Mogulen, Indiens muslimischen, auf timuridische Wurzeln zurückgehenden Kaisern.

Mehrangarh errichteten Rajputen vom Clan der Rathore. Ihren Liedern zufolge regierten sie einst Kanauj, ein weite Teile des heutigen Unionsstaates Uttar Pradesh umfassendes Gebiet.  Im ausgehenden 12. Jahrhundert unterlagen sie Eindringlingen aus Afghanistan. Ihre Überlebenden brachen auf und siedelten sich in Pali beziehungsweise Marwar an. Interessant am Rand: Im Sanskrit bedeutet das »Land des Todes«. Die Rathore erstarkten und eroberten stattliche Gebiete, darunter den nunmehrigen Großraum Jodhpur. Im 15. Jahrhundert erwies sich ihre einen Katzensprung nördlich Mehrangarhs gelegene Residenz, Mandore, als veraltet. Dazu trug eine militärtechnische Revolution bei: Die Verbreitung von Kanonen. Auf dem indischen Subkontinent setzte sie erstmals Babur, der Begründer der Mogul-Dynastie, in der Schlacht von Panipat (1526) ein. Feuerkräftige Belagerungsgeschütze machten ältere Wehrmauern hinfällig.

Mehrangarhs Geschichte

Anno 1459 begann Rao Jodha, seines Zeichens 15. Rathore-Herrscher, mit Mehrangarhs Bau und gründete Jodhpur. Der nach morgenländischem Märchen klingende Name bedeutet schlicht »Jodhas Stadt«. Sie, voran ihre Palastfestung, wurde zum Mittelpunkt der Rathore und ihrer Marwar-Dynastie (nicht zu verwechseln mit den Mewar in Udaipur).

Um etliche berühmte Bauwerke ranken sich Legenden. So auch um Mehrangarh. Der Felsrücken, dem seine Wälle entsteigen, hieß einstmals Bhaurcheeria, Berg der Vögel. Auf ihm wohnteTurmbauwerk ein Einsiedler namens Cheeria Nathji, was sich mit »Herr der Vögel« übersetzt. Jodha forderte den als Heiligen verehrten Mann auf, sich andernorts niederzulassen, doch der weigerte sich standhaft. Jodha zog die Daumenschrauben an: Er entsandte Shir Karni Mata, eine berühmte, ebenfalls als heilig geltende Kriegerin. Der Eremit beugte sich ihr. Aber er verwünschte Mehrangarh: Die Festung solle ewig unter Wassermangel leiden, lautete sein Fluch. Um des lieben Friedens willen ließ Jodha innerhalb der Wälle ein Haus samt Tempel für den Einsiedler bauen. Mehrangarhs Grundstein, wie auch jenen des Junagarh Forts in Bikaner, legte seine Helferin. Es ging gruselig weiter. Um Mehrangarh eine rosige Zukunft zu sichern, begrub Jodha einen Freiwilligen lebendig im Fundament. Dafür versprach er, dass die Rathore auf immer für seine Nachkommen sorgen würden. Nun, die Familie hielt sein Versprechen. Mehrangarh wurde dennoch erobert und litt besonders bei Belagerungen unter Wassernot.

Jodha schuf mächtige Anlagen, um die Machtbasis seines Hauses zu sichern. Rajputen stritten untereinander, das Sultanat von Delhi (1206 – 1526) stellte eine ständige Bedrohung dar. Rao Jodhas achtundzwanzig Nachfolger trieben Mehrangarhs Ausbau mehr oder weniger tatkräftig voran. Sie besaßen handfeste Gründe: Mit dem Sturz der in Delhi herrschenden Lodi-Dynastie (1451 – 1526) durch den Timuridenprinzen Babur betraten die Mogulen Indiens machtpolitische Bühne. Kurzfristig lief ihnen Sher Khan Suri den Rang ab. Der Emporkömmling vertrieb Großmogul Humayun ins persische Exil und Raja Maldeo (1531 – 1562) aus Mehrangarh. Ein Jahr später holte sich der Marwar seine geraubte Festung zurück. Um nochmaligen Eroberungen vorzubeugen, stieß er Mehrangarhs erste große Ausbau- und Erweiterungswelle an. Er verstärkte Mauern und Tore, legte Außenwerke an und befestigte einen Wallabschnitt mit einem gewaltigen, breitgezogenen Turmgebäude (Bilder 2 und 3 zeigen eindrucksvolle Bollwerke). Seine Bemühungen waren salopp gesagtBollwerk für die Katz. Maldeo bestimmte seinen dritten Sohn als Thronerben, was seinen Erstgeborenen aufstieß. Sie suchten Rückendeckung am Mogulhof. Akbar, Baburs brillanter Enkel, ließ sich nicht zweimal bitten. Er kam und besetzte Mehrangarh für die nächsten neunzehn Jahre. Anschließend dienten vier aufeinanderfolgende Marwar-Herrscher den Mogulen als Vasallen. Auch sie verliehen Mehrangarh eigene Noten, so etwa Jaswant Singh (1638 – 1678). Nach seinem Tod marschierte Großmogul Aurangzeb ein. Es folgte ein dreißigjähriger Kleinkrieg gegen die Besatzer. Nach dem Friedensschluss von 1707 bestand Sanierungsbedarf in Mehrangarh. Auch verströmten Fassaden und Interieurs den modischen Chic von Vorgestern. Die zweite Bauwelle setzte ein. Ajit Singh (1707 – 1724) trieb Mehrangarhs Fortentwicklung voran. Sonderbarerweise lehnte er sich gestalterisch an den Mogulstil an. Zu seinen eindrucksvollen Hinterlassenschaften zählt das im Gedenken an den Triumph über den verhassten Feind errichtete Fateh Pol, das Siegestor. Ajit Singh baute dermaßen eifrig, dass während der nächsten hundertzwanzig Jahre kaum Zusatzbedarf bestand. Eine sehenswerte Ergänzung steuerte Maharaja Man Singh 1808 bei: Nach seinem Sieg über Jaipurs Heer beauftragte er den Bau des Jai Pol. Das monumentale Tor dient als Haupteingang. Erst mit Takhat Singh (1843 – 1872) nahm der Zug neuerlich Fahrt auf. Sein Wirken beinhaltete Erneuerungen, Umbauten und Verschönerungsmaßnahmen, da vorangegangene Herrscher Mehrangarh stiefmütterlich behandelt hatten. Und dann, 1880, zog die Maharajafamilie aus und schloss die Tore hinter sich. Die riesige Palastfestung hatte sich überlebt. Sie blieb sich selbst überlassen, der Zahn der Zeit begann an ihr zu nagen. Mehrangarh war gewissermaßen gefallen.