Indiens Perlen

Mehrangarh in Jodhpur

Mehrangarhs Auferstehung

Wir schreiben das Jahr 1947. Der kürzlich gekrönte Maharaja Hanwant Singh zieht aus dem 1943 vollendeten Umaid Bhawan Palast zurück nach Mehrangarh. Er beginnt, Teile instand zu setzenChowk-Gebäude. Fünf Jahre später stürzt sein Flugzeug ab. Er hinterlässt einen kindlichen Erben. Mehrangarh droht neuerlich zu veröden. Sein unmündiger Sohn besteigt den Thron als Gaj Singh II. Er wächst heran, studiert in England, kehrt 1971 in schwierigen Zeiten zurück. Er ist entschlossen, sein Erbe für künftige Generationen zu erhalten. Er steht vor einem Mammutvorhaben, er benötigt Unsummen. Gai Singh bringt sie auf. Erste Gelder für Mehrangarhs Renovierung lieferten Millionen Festungsbewohner. – Sie stutzen? Welche Bewohner? Wie können Millionen Leute in einer Burg leben? Nun, es handelte sich um Fledermäuse. Seit nahezu siebzig Jahren gehörte Mehrangarh ihnen. Was sie in Hallen und Gemächern fallen ließen, bildete dicke Schichten. Fledermauskot gibt einen ausgezeichneten Dünger ab. Gaj Singh verkaufte ihn tonnenweise an Chilibauern. Letztlich gelang es dem findigen Maharaja, eines der faszinierendsten Menschheitsmonumente zu retten. Mehr noch: Er schuf ein lebendiges, das Gestern fühl- und greifbar machendes Museum der Sonderklasse.

Ein Rundgang

Mehrangarh bedeckt eine Fläche von schätzungsweise 460 mal 230 Metern, die bis zu 21 m starken Mauern ragen stellenweise 36 m auf. Sieben Tore führen ins Herz der Anlage. Durchschreitet man sie, gibt sich Mehrangarhs wahrer Charakter zu erkennen. Gewiss, die Residenz war eine Festung, zugleich jedoch Marwars Aushängeschild, Heim der Herrscherfamilie, des Hofstaates und zahlloser Bediensteter. Sie war ein kultureller und spiritueller Mittelpunkt. Trotz häufiger Wirren, diente sie zuvorderst als Wohn- und Lebensort.

Die gegenwärtige Anlage entstand über viele Menschenalter hinweg. Manches Bauwerk wich dem Zeitgeist oder Notwendigkeiten, doch erhielten sich zahlreiche Bauten aus früheren JharokafassadePerioden. Auch bestehen geschaffene räumliche Muster fort. Das Nebeneinander älterer und jüngerer Gebäude bedingt Abfolgen unvermittelt wechselnder Baustile. Mit indischer Architektur vertraute Betrachter springen diese plötzlichen Übergänge geradezu an. Dem kundigen Auge stellt sich Mehrangarh wie eine steinerne Treppe in die Vergangenheit dar. Allein die sieben Tore gleichen Zeitmarken. Diesbezüglich stechen zwei hervor: Lakhna Pol (auch Dedh Kangra Pol) und Loha Pol (Eisentor). Vor dem Bau des Jai Pol war Ersteres Mehrangarhs Außentor. Bis heute verunzieren es die Einschlagskrater von Kanonenkugeln 1808 angreifender Armeen aus Jaipur. Das Lakhna Pol ist Mehranghars ältestes und letztes Tor vor dem Kernbereich. Schaurig wirken weniger seine stachelbesetzten Flügel, sondern vielmehr dreißig rote Handabdrücke an seiner Seite. Sie erzählen von Witwen Maharaja Man Singhs, die 1843 in den Feuertod gingen. Festungsbaulich bemerkenswert ist das dornenbewehrte Fateh Pol. Der überbaute Torweg knickt um neunzig Grad ab. Diese Abwinkelung vereitelte Sturmläufe feindlicher Kriegselefanten gegen das Tor.

Mehrangarh gliedert sich in drei Hauptabschnitte: Den Palastbereich im Nordwesten, einen großflächigen Terrassenbereich im Osten und den von Bollwerken dominierten Süden. Die Zugangstore erzeugen eine von Durchgängen nochmals verfeinerte Raumgliederung. Kennzeichnend sind von prachtvoll geschmückten PalastinterieurGebäuden eingefasste Höfe. Der bedeutendste dieser Chowks ist der Krönungshof (Sringar Chowk). Er bildet Mehrangarhs bauliche Entwicklung gleichsam verdichtet ab, da er Gestaltungselemente aufeinanderfolgender Epochen verbindet. Auffallend – und sowohl für hinduistische Rajputen- als auch muslimische Mogulhöfe typisch – ist eine Trennung weiblicher und männlicher Aktivitätsräume. So verfügte Mehrangarh über einen Zenana genannten Frauentrakt. An manchen Ereignissen nahmen höhergestellte Damen rein beobachtend teil. Das verrät bereits die Namensgebung des Jhanki Mahal, was sich mit »Zuguckpalast« übersetzen lässt. Von hier aus verfolgten sichtgeschützte Frauen im großen Innenhof stattfindende Empfänge. Bilder 4 und 5 zeigen ein wesentliches Fassadenmerkmal: Jharokas, erkerartige Balkone. Sie besitzen verzierte Konsolen, begrenzende Säulen oder Wandpfeiler, Balustraden und eine Kuppel bzw. ein Pyramidendach oder geschwungene, vordachähnliche Abschlüsse. Vielfach sind Jharokas mit Jalis versehen. Dabei handelt es sich um feingliedrig durchbrochene Marmor- oder Sandsteinplatten beziehungsweise Verbindungen filigraner Elemente, die als Fensterfüllung bzw. raumschließendes Gitterwerk dienen. Teils bildet Holz das Ausgangsmaterial.

Zu Mehrangarhs geschlechtsspezifischen Funktionsgebäuden zählt unter anderem der Männern vorbehaltene Darbare Aam nahe dem erwähnten Jai Pol. Während der Abwesenheit des Maharajas empfingen Prinzen hier Untertanen, sei es, um Streit zu schlichten oder Probleme zu diskutieren. So wuchsen sie in die Rolle sorgsam wägender Entscheidungsträger hinein. Eingangsnahe Männertreffpunkte waren auch in Havelis, ehemaligen Kaufmannspalästen, verbreitet.

Neben vergleichsweise schlichten Wohn- und Wirtschaftsgebäuden weist Mehrangarh kostbar ausgestattete Paläste auf. Hervorgehobene Bedeutung kommt dem Moti Mahal, dem Perlenpalast mit den königlichen Thronsaal zu. Er stammt aus der Regierungszeit von Sur Singh (1595 – 1619), also aus Mehrangarhs Frühphase. Mit reizvollen Details wartet der Sheesha Mahal (Spiegelpalast) auf. Dass sich die Prüderie vieler Marwar in Grenzen Takhat Vilashielt, belegt der unter Abhaya Singh (1724 – 1749) entstandene Phool Mahal (Blumenpalast). Allem Anschein nach diente er vorwiegend fleischlichen Vergnügungen, sprich als Lustschloss beziehungsweise Liebesnest. Eindrücke von Prunk und Pracht am Marwar-Hof vermitteln Bilder 6 und 7.

Eine Besonderheit stellen die Takhat Vilas mit dem Besprechungsraum ihres Namenspatrons dar: Er präsentiert sich als ungewöhnliche Verschmelzung seinerzeit moderner mit traditionellen Stilelementen (siehe Bild 7).

Wie europäische Höfe Kirchen und Kapellen einschlossen, finden sich in Mehrangarh Tempel, darunter ein Mataji – der »Hausgöttin« der Maharajas – geweihtes Heiligtum.

Im Osten Mehrangarhs erstreckt sich eine ausgedehnte Terrasse, deren Brüstungen teils mit Kanonen bestückt sind. Die Freifläche eröffnet spektakuläre Ausblicke auf Jodhpur samt Jaswant Thada und die umgebenden Ebenen.

Mehrangarh beherbergt ein hervorragendes Museum mit einem breiten Fächer erlesener Exponate. Er reicht von Alltagsgegenständen über Schmuck und Waffen bis hin zu Spielzeug und Sänften. Gelungen sind unterschwellig wirkende Vorführungen, die Ausschnitte des höfischen Lebens erfahrbar machen. Mancher Besucher benötigt eine Weile, um zu begreifen, dass sich hinter Safa-Wicklern, Musikanten, Wahrsagerin, Opiumraucher und anderen freundlichen Menschen Schauspieler verbergen.

Wie im Inneren zeigt Jodhpurs Wahrzeichen von außen gegensätzliche Gesichter. Tagsüber, vor allem im harten Mittagslicht, erscheint Mehrangarh trutzig und abweisend. Abends hingegen, wenn die sinkende Wüstensonne ihre Wälle rötet, wirkt die Palastfestung beruhigend und beschützend. Es bedarf keiner sonderlichen Fantasie, um ins Träumen zu geraten, wenn man sie von der Dachterrasse eines Altstadt-Havelis aus betrachtet.