Weltbürgerallerei: Standortrubrik: Nutzungsmuster

Nutzungsmuster – Entstehungsgründe

A Intro

Weltweit, in Städten wie auf dem Land, bestehen unterschiedliche Nutzungszonen. Überall stellen sich funktionsräumliche Differenzierungen ein: Büronutzungen ballen sich, Gewerbebetriebe, Industrieanlagen, logistische Einrichtungen, Einzelhandelsunternehmen. Planerische Eingriffe mögen Sortiervorgänge beschleunigen oder verzögern, deren Antriebskräfte aushebeln, können sie nicht. Raumorganisatorische Grundgesetze missachtende Ansätze scheitern unausweichlich. So erweist sich manche Stein gewordene Vorstellung im Nachhinein als folgenschwere Hypothek. Viele Stadtplaner vertreten auf Nutzungsmischungen setzende Leitbilder. Sie tun es aus gutem Grund, obwohl sich Nutzungen grundsätzlich sortieren. – Doch weshalb? Warum neigen sie dazu, gleichförmige, gleichsam inzüchtige Ansammlung auszubilden?

B Triebfedern der Nutzungssortierung

Es ist eine Binsenweisheit, dass verschiedenartigen Nutzungen jeweils eigene Standortansprüche innewohnen. Sie streben – im Großen wie im Kleinen – in Räume, die möglichst zuträgliche Merkmale aufweisen. Manche Orte bieten zahlreichen Nutzungen günstige Grundlagen, andere wenigen. Logischerweise ziehen vorteilhafte Regionen beziehungsweise Orte Menschen seit jeher an. Frühzeitig verknappten Bevölkerungszuwächse diese behaglichen Gegenden mittelbar. Es setzte Streit um die ergiebigsten Lebensräume, bald um klein und kleiner werdende Landausschnitte ein. Technische Fortschritte verstärkten gesellschaftliche Differenzierung. Es entstanden neue Nutzungsarten, tätigkeitsbezogen definierte Bevölkerungsgruppen und Ständeleitern. Im Zuge dieser Entwicklungen prägten sich mehr oder weniger voneinander abgegrenzte Funktionsräume aus. Derartige Lagemuster entspringen einem Wechselspiel von Aneignung und Verdrängung. Diese Abläufe beruhen wesentlichen auf wirtschaftlichen Zusammenhängen. Es lassen sich vier maßgebliche Steuerungsgrößen ausfiltern:

1 Ertragsgrundlage »Erreichbarkeit«

Unzugängliche Orte entziehen sich einer unmittelbaren Nutzung: Wo niemand hingelangt, kann keiner etwas unternehmen. Gewiss lässt sich mit solchen Orten Geld verdienen: Der Verkauf von Mondgrundstücken belegt es, auch versilbert manche Sternwarte Besucherblicke auf Antares. Womöglich beäugen Antarianer unsere Welt. Sofern sie zur Arbeit, zum Einkauf, zur Schule fahren, zum Markt oder in die Kneipe gehen, gibt es auch dort verschiedenartige Funktionsräume und Nutzwertzonen. Das intergalaktische Streiflicht ist keineswegs aus der Luft bzw. dem Sonnenwind gegriffen: Zugänglichkeit ist ein universell wertbestimmendes Moment. Unterschiedliche Erreichbarkeitsgrade übersetzen sich in räumlich abgestufte Nutzungsdichten und entsprechende Ertragsaussichten. Ein derber Spruch aus Händlerkreisen bringt den Grund auf den Punkt: Wo sich die Ärsche reiben, klingelt die Kasse. Schnorrer bilden die Kehrseite ab: Nix los, kein Moos.

1.1 Ringe, Sektoren, Knoten

Heinrich von Thünen (Nationalökonom, 1783 – 1850) formulierte das hinter der Bodenpreisbildung stehende Prinzip: Preise spiegeln an jeweiligen Orten erzielbare Lagerenten wider. Gemeint ist der Nutzwert von Grund und Boden. Dieser ist gleichbedeutend mit dem Marktpreis dort zu erzeugender Produkte abzüglich anfallender Herstellungs- und Transportkosten. Diese Erkenntnis birgt eine Ableitung: Je höher am Ort zu erwirtschaftender Erträge ausfallen, desto intensiver wird der Boden genutzt. Demnach prägen sich – in sich gleichförmige Räume vorausgesetzt – Ringe unterschiedlicher Nutzungsintensität aus. Schlüpfen wir in die Rolle mittelalterlicher Bauern, wird klar, warum das so ist.

Kürzlich folgten wir dem Kolonisierungsaufruf eines Fürsten. Nun schauen wir nachdenkend ins brettebene Land hinaus. Wo erzeugen wir Gemüse, Kräuter, Milch und Eier? – Genau: Unmittelbar am Haus. Weil wir diese Lebensmittel täglich brauchen und Kluge überflüssige Wege vermeiden. Ein Stück weiter draußen bauen wir hochwertige Nutzpflanzen an; diese bedürfen sorgsamer Hege, da Ernteausfälle angesichts ihrer Ertragskraft schmerzen. Gegebenenfalls droht uns ein Hungerwinter. Es schließen sich entfernungs- und größenbedingt nur eingeschränkt zu bearbeitende Flächen an. Sie bleiben sich lange Zeit hindurch selbst überlassen und liefern geringe Erträge je Morgen. Schließlich folgen Wiesen, dann Weiden. Über uns rüttelt ein Falke. Wir sehen durch seine Augen: Unter uns liegt ein von klar unterscheidbaren Landnutzungsringen umkränztes Dorf. Nach demselben Muster bauen sich Städte auf: Ihre Nutzungsdichten kennzeichnet ein Kern-Rand-Gefälle. Vereinfacht dargestellt ergibt sich in Europa diese Abfolge: Einzelhandel → Büronutzung / Dienstleistungen → Wohnen → Produktion / Logistik → Landwirtschaft.

Regelhaft stellt sich von innen nach außen gerichtete Bodenpreisgefälle ein: Je größer die Entfernung vom Stadtkern, desto geringer der Bodenpreis. In diese Richtung fallen auch die Gebäudehöhen. Dass dieses Muster bisweilen durchbrochen scheint, entkräftet die Grundregel nicht: Nach außen steigende Aufrisse verweisen auf Stadterweiterungen in Form sozialen Wohnungsbaus, junger Bürozonen usw. Mit wachsender Ferner vom Stadtmittelpunkt fallen die Baulinien auch hier.

Wie oben vorausgeschickt sortieren sich Nutzungen einzig in selten vorkommenden gleichförmigen Räumen zu geometrischen Ringen. Die »wahre« Welt kennzeichnen mehr oder minder zahlreiche Formenelemente, etwa Berge, Seen und Flüsse. Die Topographie münzt sich in angepasste Nutzungsgefüge um. Vor allem Verkehrsachsen, die oftmals natürlichen Leitlinien folgen, verzerren das Ringmodell. Auf Mittelpunkte zuführende Straßen bedingen sektorale Nutzungsabfolgen. Diese unterlagert gleichwohl das Ringmuster. Aus der Vogelperspektive betrachtet, ergibt sich das Bild einer von Speichen überlagerten Zielscheibe. Je breiter radiale Straßen ausgelegt sind und je höher ihr Verkehrsaufkommen ist, desto stärkere Bewegungswiderstände bauen sie quer zur Verkehrsrichtung auf: Autobahnen durchschneiden beiderseits angrenzende Räume buchstäblich. Quer zur Straßenrichtung stellen sich dort ähnliche Nutzungsabfolgen ein wie bei den aufeinanderfolgenden Ringen. Das Artenspektrum ist tendenziell schmaler.

Sternförmig abgehende Ein- und Ausfallstraßen kreuzen sich zumeist mit verkehrsreichen Querverbindungen beziehungsweise Ringstraßen. Diese Schnittstellen sind – ausreichend Parkmöglichkeiten vorausgesetzt – besser erreichbar als andere, also vergleichsweise wertvoll. An solchen Kreuzungspunkten bilden sich oftmals Inseln gewerblicher Nutzungen aus, die sich als Zentren wechselnder Größe darstellen. Diese umkränzen die Kreuzung, dehnen sich unter Umständen auch entlang der Hauptstraßen und einmündender Nebenstraßen aus. Das Kreis-Sektoren-Modell reichern Einsprengsel bzw. Knoten (engl. »nodes«) an, die wiederum speichen bzw. sternförmig entwickelt sein können. Das Grundmuster des großen Ganzen spiegelt sich im Kleinen.

1.2 Vertikale Dimension

Nutzungsabfolgen stellen sich auch in der Vertikalen ein, weil Höhe Bewegungswiderstände erzeugt, die Zielorte schwerer zugänglich machen. Mit wachsender Höhe nimmt die Anzahl zur Raumüberwindung williger Menschen ab. Das besagt zugleich, dass die Anzahl hier existenzfähiger Nutzungen sinkt. Das Höhenmoment spiegelt sich insbesondere bei Einkaufszentren. Obere Etagen bedürfen starker Magnetbetriebe, um einen nennenswerten Kundenlauf zu gewährleisten. In mehrgeschossigen Konsumtempeln fallen erzielbare Mieten von Stockwerk zu Stockwerk um 50 - 70 %. In einer Gebäudeform steht die Vernunft freilich auf dem Kopf: In Wolkenkratzern steigen erzielbare Flächenmieten von unten nach oben.

Eindrucksvoll sind Höhennachteile an Siedlungsnetzen ablesbar. Im Weltmaßstab erstrangige Wirtschaftszentren liegen samt und sonders im Tiefland beziehungsweise tieferen Regionen, viele davon unmittelbar am bzw. nahe dem Meer.