Wolkenkratzer – Spiegel des Irrationalen

4.3 Erschließungsfragen

Vertikale Distanzen zu überwinden, kostet mehr Energie als horizontale Bewegung. Das Verhältnis liegt bei etwa 5 : 1. Das heißt, 20 cm Höhenüberwindung verschlingen soviel Energie wie ein 1 m langer Schritt auf ebenem Grund. Indem Wolkenkratzer Nutzflächen hochstapeln, erhöhen sie Bewegungswiderstände extrem. Dass sie aktive menschliche Bewegung durch Aufzüge ersetzen, ändert daran wenig. Ein 400 m hohes Bauwerk zu erschließen, erfordert – vereinfachend dargestellt – ähnlich viel Aufwand wie bei einem 2.000 m langen ebenerdigen Gebäude. Letzteres ließe sich vielfach und von beliebigen Stellen aus erschließen. Wolkenkratzer – ausgenommen mit »Himmelbrücken« bzw. Skywalks verbundene Exemplare – sind hingegen ausschließlich von ihrer Basis her zugänglich. Anders ausgedrückt: Wolkenkratzer sind sehr lange Sackgassen. Diese Erschließungsform war z. B. in arabischen Städten verbreitet und prägt deren alte Kerne bis heute. Allerdings erstrecken sich Sackgassen selten über 400, 600, 800 m. – Weil das bewegungsökonomisch widersinnig wäre, weil solch eine Anlage ständig enorme Umwege bedingen würde. Die Sackgasse ist das Gegenprinzip des Netzes, der kurzen Wege, der Verknüpfung, des ungehinderten Flusses. Diese Feststellung enttarnt den Widersinn des Wolkenkratzers: In unserer Netz- und Netzwerkgedanken predigenden Zeit regiert deren verkörpertes Gegenprinzip immer weitere Städte. Natürlich suchen Wolkenkratzernutzer Fühlungsvorteile, was bedeutet, dass gleiche, ähnliche, einander ergänzende Funktionen räumlich zusammenrücken. So sorgen sie für kurze Wege, in jeweiligen Gebäuden allerdings in einer Bewegung brechenden Umgebung. Mit Blick auf sicherheitstechnische Gesichtspunkte erweist sich deren übersteigerter Sackgassencharakter als zweischneidiges Schwert: Einerseits sind sie leicht zu überwachen, andererseits potentielle Fallen.

4.4 Verlorene Visionen, verlorene Macht

Die Diskussion um New Yorks 2001 vernichtetes World Trade Center verschleierte die Verwundbarkeit von Wolkenkratzern mehr als sie diese erhellte. Die Wolkenkratzer an sich betraf die Attacke nicht einmal. Sie galt Symbolen einer größen- und machtverliebten Nation: New York und dessen höchsten Gebäuden. Der Sears Tower konnte schwerlich Ziel sein. Zwar höher als der WTC-Zwilling, doch steht er in Chicago. Und, wofür steht Chicago? Was symbolisiert die Stadt international, im Bewusstsein einer Menschenmehrheit? Jene große Stadt mit der weltweit (noch) zweitmächtigsten Skyline? – Mir fällt wenig ein.

Gestellte Fragen verweisen auf Erkenntnislücken der Höhenstreber: Der einst Macht, Reichtum und Visionen ausdrückende Wolkenkratzer inflationierte. Vor allem ist er keine erstrangige Machtzentrale mehr. Er kann es nicht mehr sein. Telekommunikationsknöten, Serverfarmen, digitale Schnittstellen sind die Schaltzentralen unserer Zeit. Unansehnliche, verbunkerte, tunlichst versteckte Strukturen.

Der Wolkenkratzer verlor seine symbolische Ausstrahlung, als sich seine visionären Inhalte verflüchtigten. Blankes Höhenstreben berauscht nur wenige. Cass Gilbert, oben zitierter Architekt des Woolworth Building, verstand Wolkenkratzer als Ausdruck geistiger, ethischer Ansprüche. Die Internationalisten um Mies van der Rohe planierten hehre Ansprüche, indem sie Technik zur expressiven ultima ratio erhoben. Früher womöglich erhebende Gefühle, in einem Wolkenkratzer zu arbeiten, wichen täglich empfundenen Widerständen. Sie verflüchtigten sich angesichts einer wahrgenommene Verspargelung des Umfeldes und der Verknirpsung der Höhe durch immer höhere Höhen nebenan. – Spätestens hier geht die drängende Frage, welche Gründe für den Bau von Wolkenkratzern sprechen, in eine brennende über.