Wolkenkratzer – Spiegel des Irrationalen

4.5 Bau- und Erhaltungskosten

Wolkenkratzer kennzeichnen hohe, ab einer gewissen Höhe sprunghaft steigende Baukosten. Ursächlich sind verschiedene Erfordernisse. Einmal schlagen aufwendige Gründungssysteme zu Buche. Um eine diesbezügliche Vorstellung zu vermitteln: Der Unterbau der Petronas Towers reicht rund 100 m tief. Kostentreibend wirkt weiterhin, dass bei großer Höhenerstreckung mehrere Technikebenen einzuziehen bzw. sämtliche Rohrleitungen auf maximalen Druck auszulegen sind. Expessaufzüge, Lüftungssysteme und dergleichen schlagen gleichfalls ins Kontor. Und, nicht zu vergessen die Elektrik bzw. Elektronik; sie kostete bei den Petronas Towers annähernd 50 € je qm. Hochgerüstete Haustechnik verlangt nach ständiger kostenintensiver Wartung.

Um Wolkenkratzer rentabel zu betreiben, sind gegenüber niedrigen Gebäuden anfallende Mehrkosten den Nutzern in Form höherer Mieten aufzubürden. Zu berücksichtigen ist diesbezüglich, dass erforderliche Mieten angesichts verbreitet minderer Flächenwirtschaftlichkeit von Wolkenkratzern überproportional hoch ausfallen müssen.

4.6 Flächenwirtschaftlichkeit

Auch flächenoptimierte Wolkenkratzer sind dahingehend ausgereizten Normalgebäuden wirtschaftlich weit unterlegen. Hohe Schlankheitsgrade verbunden mit dem verwirklichten Sackgassenprinzip münzen sich in überproportionale Erschließungsanteile um: Liftbatterien, Aufzugvorräume auf Ein- und Umsteigeebenen, mehrere einzuziehende Technikgeschosse (für Wasserversorgung, Heizungs- und Lüftungseinrichtungen etc.) und unerlässliche Fluchttreppenhäuser beanspruchen Raum. Im Citycorp-Center (NY) vereinnahmt ein 400 t schwerer hydraulich gesteuerter Resonanzdämpfer Platz, in Taipehs 101 Center ein 60 t wiegendes, mehrere Ebenen durchlaufendes Stahlpendel. Dieser Nachteil des Wolkenkratzers mag verschmerzbar sein. Schwerer wiegt ein von Effizienzaposteln zumeist übersehendes Manko aufschießender Glasgiganten: Sie übertragen verbreitete menschliche Schwächen in Alltagserfahrungen – Schwindelgefühl und Höhenangst. Wohl oder übel wahren in höheren Stockwerken umgesetzte Bürokonzepte oftmals »Sicherheitsabstand« zur schier bodenlos abfallenden Außenhaut. Zu bedenken ist hierbei, dass die laufenden Meter zur Fassade hin zunehmen. Kurzum: Vollverglaste Wolkenkratzer beinhalten große Anteile allenfalls eingeschränkt nutzbaren Raumes; die je Arbeitsplatz erforderliche Mietfläche schnellt empor.

Tatsächliche Mietbelastungen je qm sinnvoll nutzbarer Fläche fallen unter dem Strich unverhältnismäßig groß aus. Damit ist das Ende der Fahnenstange keineswegs erreicht: Die »zweite Miete« in Form fälliger Betriebskosten benachteiligt Wolkenkratzer zusätzlich.

4.7 Energiebilanz

Energiebilanziell ideal geformt ist die Kugel. Ihr relativ nahe kommt der Würfel. Von diesen Formen entfernten sich zwei Gebäudearten besonders: Türme und außerordentlich hohe, schlanke Hochhäuser.

Vordergründig scheint es unerheblich, ob Rauminhalte gestapelt oder aneinandergereiht werden. Sparen getürmte Volumina nicht gar Dachflächen ein? Ja, nur besitzen aneinandergebaute Häuser – außer den Eckgebäuden – lediglich zwei Wärme abstrahlende bzw. der Kälte ausgesetzte Außenmauern. Zudem genießen »Erdkuscheler« ein von geringeren Temperaturschwankungen geprägtes Mikroklima; sie bieten Wind und Wetter weniger Angriffsfläche. Womöglich verblüffend, sei an die je 100 m Höhe um rund 1 Grad Celsius fallende Lufttemperatur erinnert. Unter Normalverhältnissen entstehen Differenzen von 2, 3, 4 Grad. Umgekehrt heizen sich Wolkenkratzer an strahlungsreichen Tagen hochgradig auf. Sie erweisen sich als Energieschleudern. Voran zu installierende Kühlsysteme verhageln die Bilanz. Während der Heizungsaufwand die erforderliche Kühlleistung bei den meisten Bauten übertrifft, verhält es sich modernen Hochhäusern mehrheitlich umkehrt. Dies vor allem bei durchgängig verglasten Exemplaren. Fallweise erweist es sich als nötig, die Fassaden tagsüber zu kühlen und nachts zu beheizen, um vorzeitige Materialermüdungen bzw. Gebäudeschäden zu vermeiden. Den Effekt verdeutlicht ein Beispiel: Im Normalbetrieb verschlang New Yorks World Trade Center stündlich 25.000 KWh Strom. Während strahlungsreicher Tage schnellte alleine die von Klimaanlagen verbrauchte Strommenge auf nahezu 28.500 KWh hoch. Welche Kosten sich damit verbinden, zeigt sich am Frankfurter Messeturm: Laut der mehrfach angeführten Hochhausstudie beliefen sich die monatlichen Kosten für Heizung und Kühlung 1999 (!) auf umgerechnet 21 € je qm Nutzfläche. – In einem Niedrigenergiehaus fallen ca. 60 Cent an.

Hohe Energiekosten verursachen weiterhin zu installierende Aufzugsysteme, Wasserpumpen und flächenhafte Beleuchtungssysteme. Unter dem Strich ergibt sich ein eindeutiges Ergebnis: Wolkenkratzer sind Stromfresser.

4.8 Mikroklimatische Effekte

Einerseits verschatten Wolkenkratzer umgebende Straßen, andererseits rufen verbreitete Glasfassaden störende Spiegelungen und Blendeffekte hervor. Teils erzeugen die Riesen unangenehme Luftverwirbelungen, fallweise Turbulenzen bis hin zur Orkanstärke, häufig Fallwinde. Diese Erscheinung löste bereits Daniel Burnhams 1903 fertiggestelltes Flatrion Building aus. Es war bei New Yorks Männern beliebt, da entstehende Fallwinde Blicke unter aufwehende Damenröcke eröffneten.

Die meisten Wolkenkratzer sind durchgängig klimatisiert. Ihre Fenster lassen sich nicht öffnen. Nicht nur in den USA von vielen Firmen geschätzte große Geschossflächen bedingen, dass innenliegende Nutzflächen großteils künstlich zu beleuchten sind. Es entsteht ein völlig von natürlichen Gegebenheiten entkoppeltes Mikroklima. Falls sich der Leser fragt, weshalb so viele US-Amerikaner ständig schniefen, erhielt er die Antwort.