Wolkenkratzer – Spiegel des Irrationalen

4.9 Bodenverbrauch

Das Argument, Wolkenkratzer trügen zu einer geringeren Flächenversiegelung bei, leuchtet ein. Ob es ernst zu nehmen ist, steht auf einem anderen Blatt. Einmal ist ihre ökologische Bilanz denkbar schlecht. Es erscheint fraglich, dass dieses Manko den Pluspunkt aufwiegen kann. Zum anderen mutet die Einschätzung zumindest mit Blick auf die Siedlungsstrukturen des »Wolkenkratzerlandes«, den USA, angesichts uferlos gewucherter Suburbs und Strip Cities fadenscheinig an. Deren Existenz drückt eingestandenermaßen Wohnvorlieben aus, zudem fehlende Planungsleitbilder bzw. magelnde genehmigungsrechtliche Steuerungsmöglichkeiten. Somit gibt sich eine vernunftunterlegte Begründung für den Bau von Wolkenkratzern zu erkennen. Sie sticht gleichwohl nur, sofern die Vertikale gezielt als Mittel gegen die Zersiedelung gerichteter Planung eingesetzt wird. Dies geschieht tatsächlich, so in den westlich Washington DCs gelegenen Edge Cities Arlingtons (VA).

Bezüglich des Bodenverbrauchs stellt sich eine grundsätzliche Frage: Beschweren die Menschheit bzw. einzelne Großregionen eher Raumnöte oder Energieknappheit? Klar ist, dass eine wachsende Weltbevölkerung zunehmend Raum beansprucht, der Energieverbrauch zugleich jedoch überproportional zunimmt. Punkt 1 spricht für den Wolkenkratzer, Punkt 2 gegen ihn.

In Deutschland besitzen Wolkenkratzer keine vernunftgetragene Daseinsberechtigung. Auch nicht in wirtschaftsstarken, von Zuzug geprägten Metropolräume. Nirgends erzeugt die Büromarktentwicklung einen »Höhendruck«. Diese Einschätzung untermauern die Grundstücksverhältnisse in Frankfurt am Main: Im Jahr 2004 besaß die Stadt Landreserven, die einen Bau von fünf Millionen Quadratmetern Bürofläche zuließen. Bis heute änderte sich daran wenig, zumal bei diesem Baupotential ausschließlich Areale berücksichtigt waren, bei welchen sich Stadt und Eigentümer eine derartige Entwicklung vorstellen konnten. Fünf Millionen Quadratmeter entsprechen rund 40 % des gegenwärtigen Bestandes. Woher die Nutzer für solch eine Fläche kommen könnten, steht in den Sternen. Dessen ungeachtet sind rund zwanzig weitere Wolkenkratzer vorgesehen.

Auch München vollzog um die Jahrtausendwende eine Kehrtwende und genehmigte Wolkenkratzer. Ohne ersichtliche Notwendigkeit. Anscheinend regiert das Motto »keine Weltstadt ohne Wolkenkratzer«. Immerhin nutzt München Hochhäuser, um Torsituationen zu schaffen und Landmarken zu setzen. Interessant auch, dass sich im Rahmen einer Abstimmung eine Mehrheit (abstimmender) Bürger gegen eine Genehmigung »ganz großer« Türme innerhalb des Rings aussprach. Ihnen ging es wohl zuvorderst um die Bewahrung ererbter städtebaulicher Maßstäbe und damit – so mag man es deuten – um ihre persönliche bzw. menschliche Definition.

4.10 Verkehrseffekte

In manchen Wolkenkratzern arbeiten 5.000, 8.000, 10.000 Menschen. Das WTC beherbergte 50.000 Arbeitnehmer. – Die Bevölkerungszahl einer deutschen Mittelstadt. Clustern sich Wolkenkratzer, was regelhaft der Fall ist, lösen sie innerhalb kleiner Zeitfenster enorme Quell- und Zielverkehre aus. Derartige Ansammlungen bedürfen leistungsfähiger Verkehrssysteme. Wolkenkratzer sind diesbezüglich Systemfolger, allenfalls in zweiter Linie Systembildner. Beispielhaft illustriert dies Manhattan. Dessen Skyline konnte sich erst verdichtend recken, als Grand Central – einer der faszinierendsten Bahnhöfe weltweit – die Plattform bot. Ohne ihn wäre der täglicheu Ein- und Ausstrom riesiger Menschenmassen unmöglich gewesen. Nochmals rückblickend auf die WTC-Anschläge zeigt sich in diesem Zusammenhang, dass die Terroristen tatsächlich Symbole angriffen, keineswegs auf größtmöglichen wirtschaftlichen Schaden abhoben: Ein Schlag gegen Grand Central und Philadelphia Station – New Yorks Fernbahnhof – hätte weit größere Teile Manhattans lange lahmgelegt. Das System ist besonders mittelbar verletzlich.

Der Exkurs verweist auf einen interessanten Fakt: Dichte Hochhauslandschaften sind hochgradig autofeindlich. Diese Feststellung ist positiv zu verstehen: Die riesenhaften Energieschleudern können die Nutzung zahlloser kleiner Energiefresser – gemeint sind Pkw – sinnlos machen. Dass Wolkenkratzer das Pkw-Aufkommen zwingend zurückführen, ist nicht vorauszusetzen. Flächenmächtige, stark verdichtete Ballungen besitzen weit ausgreifende Pendlereinzugsgebiet, die mittels ÖPNV-Systemen kaum angemessen erschließbar sind. Viele gewucherte US-Regionen verdeutlichen dies. Bemerkenswert ist, dass Deutschlands Hochhauskapitale, Frankfurt am Main, die höchste Pkw-Fahrleistung von 11 untersuchten europäischen Städten erzeugt: Die gemittelte jährliche Strecke lag in diesen bei 4.500 km, in Frankfurt bei 5.900 km, in Paris bei lediglich 3.500 km (vgl. Kazig, Müller, Wiegandt: Öffentlicher Raum in Europa und den USA; in: Informationen zur Raumentwicklung, H. 3 / 4 2003).

Verkehrsmindernd wirken Wolkenkratzer dann, liegen sie nahe bevölkerungsreicher, von gut ausgebildeten Menschen bewohnter Siedlungsgebiete. Das ist beispielsweise in Hong Kong oder Philadelphia der Fall.

4.11 Sozialbilanz

Wolkenkratzer sind Throne. Ein in New Yorks Wedding Cakes und Rohrbündelbauten a' la Sears Tower (Chicago) augenfällig gespiegeltes Merkmal. Sie sind Ausdruck des sich über andere Erhebens, des Herabsehens; sie verdammen zur Bedeutungslosigkeit, stellen in den Schatten. Im wahren Wortsinne: Schon Ernest Grahams »nur« 39-stöckiges, 1915 in New York vollendetes Equitable Building verschattete rund 4,5 Blocks. Sein Beispiel belegt übrigens, dass Wolkenkratzer frühzeitig kritisch wahrgenommen wurden: Als monströse Menschenaufbewahrkiste und Gefahr für das öffentliche Wohlergehen galt der Bau vielen Zeitgenossen.

Wolkenkratzer spiegeln Ansprüche nicht einzig nach außen: Sie bilden Hierarchien, die soziale Leiter in sich ab. Unternehmen, die etwas auf sich halten, fragen Flächen in oberen Etagen nach. Einerseits, um ordentlich herabblicken und mehr Licht genießen zu können; andererseits, um Besuchern mittels langer Wege Achtung einzuimpfen. Dasselbe wiederholt sich firmenintern: Wer wer ist, sitzt höher. Beförderungen verbinden sich oft mit der Zuweisung eines größeren, natürlich belichteten Büros, »richtige« Karrieresprünge mit einem Stockwerksprung. Selbstredend kostet ein Quadratfuß mit wachsender Höhe mehr Miete. Selbst in rundum von wolkennäheren Bauten überragten Häusern. Die »Höhenzuschläge« werden praktischen Erwägungen zuwider gezahlt, um des »standing« willen.

Offener als bei Bürohochhäusern äußern sich nachteilige soziale Wirkungen bei Wohntürmen. Zahllose Studien belegen deren gleichsam asoziale Grundanlage.

5 Ausblick

Wolkenkratzer. Ein Irrweg menschlicher Raumorganisation? Ein Auslaufmodell? Ich denke, in reiferen Wirtschaftsregionen ging die Glanzzeit dieser jungen Erscheinung längst vorüber. Anderswo werden sie weiterhin wie Pilze aus dem Boden schließen. Die Jagd nach Höhenrekorden dürfte jedoch beendet sein.